Marshmallows und Zukunftsbilder – Was uns zum Sparen motiviert

Warum fällt es uns so schwer, zu sparen?

Gibt es psychologische Tricks, die einem beim Geld zurücklegen helfen können?

Ist die Fähigkeit zu sparen vielleicht angeboren – entweder man hat sie oder eben nicht?

Was das Ganze mit Marshmallows und einem Blick in die Zukunft zu tun hat, erfährst du in den nächsten 7 Minuten.

Das Problem

Ob und wieviel wir sparen ist ein Entscheidungsproblem – wir müssen zwischen sofortigem und zukünftigem Konsum abwägen. Denn das Geld, das wir heute ausgeben, steht uns morgen nicht mehr zur Verfügung.

Verständlicherweise entscheiden wir uns gerne dafür, uns unsere Wünsche lieber heute anstatt morgen zu erfüllen. Denn wir leben jetzt und was die Zukunft bringen wird, weiß niemand so genau.

In füheren Zeiten machte es durchaus Sinn, den Wohlstand in der Gegenwart voll auszukosten. Denn für die meisten gab es schlicht kein Morgen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lag die mittlere Lebenserwartung bei gerade einmal 35 bis 38 Jahren. Altersvorsorge war damals sicherlich kein Thema, die Leute hatten ganz andere Probleme.

Dank der erfreulicherweise gestiegenen Lebenserwartung steht heute hingegen jeder von uns vor der mehr als komplexen Herausforderung, seine finanziellen Ressourcen ausgewogen auf die Lebenszeit zu verteilen.

Das bedeutet: wir müssen heute sparen, um unseren Lebensstandard auch morgen halten zu können. Dazu benötigen wir vor allem die Fähigkeit, dem Impuls nach unmittelbarer Belohnung (durch Konsum) zu widerstehen.

Mischels Marshmallows

Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts führte der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel mit Vorschulkindern ein legendäres Experiment durch, das als “Marshmallow-Test” bekannt wurde.

Jedes Kind erhielt ein Exemplar der Schaumzucker-Süßigkeit und wurde anschließend allein in einem Versuchsraum zurückgelassen. Der Versuchsleiter versprach bald wiederzukommen und einen weiteren Marshmallow mitzubringen – unter einer Bedingung: das Kind durfte den ersten Marshmallow nicht essen, wenn es auch den zweiten bekommen wollte.

Eine wirklich knifflige Aufgabe, wie man in dieser Version des Tests sehen kann (meine Lieblingsstelle ab 2:46 min.):

 
Interessanterweise handelt es sich bei der Impulskontrolle um ein Persönlichkeitsmerkmal, das während des Lebens relativ konstant zu bleiben scheint.

In Untersuchungen, die 40 Jahre später an Probanden aus Mischels Versuchsreihen durchgeführt wurden, ließ sich bei den mittlerweile erwachsenen Testkandidaten relativ zuverlässig das Verhalten beobachten, das sie bereits als Kinder im Marshmallow-Test gezeigt hatten. Die Erwachsenen mussten selbstverständlich keinen Marshmallows widerstehen, sondern Aufgaben am Computer lösen, bei denen ihre Willensstärke gemessen wurde.

Das Ergebnis: Kinder, die der Versuchung widerstanden, die Süßigkeit sofort zu verschlingen, waren auch als Erwachsene eher in der Lage, den Impuls zur Selbstbelohnung aufzuschieben. Wer diese Fähigkeit besitzt, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler, hat es im Leben leichter, langfristige Ziele zu erreichen.

Unser zukünftiges Ich

Was uns zu Menschen macht, ist die Fähigkeit, uns ein Bild von der Zukunft zu machen. Wir verdanken diese Fähigkeit dem entwicklungsgeschichtlich jüngsten Teil unseres Gehirns: dem Frontallappen.

Dank dieser Zeitmaschine können wir darüber phantasieren, wie die Welt wohl morgen aussieht. Allerdings stößt unsere Vorstellungskraft an ihre Grenzen, wenn es um längere Zeiträume geht. Wir wissen genau, was wir heute brauchen, können uns aber schlecht vorstellen, wie dies in der fernen Zukunft aussehen wird.

Wer sind wir in 20, 30 oder 40 Jahren? Wie sieht diese Person aus, welche Vorstellungen und Bedürfnisse hat sie?

In neurowissenschaftlichen Untersuchungen zeigte sich diesbezüglich ein bemerkenswertes Phänomen: wir betrachten unser zukünftiges Selbst als fremde Person.

Aus psychologischer Sicht sparen wir demnach nicht für uns, sondern für einen Fremden, dessen zukünftige Bedürfnisse uns natürlich weniger interessieren als unsere eigenen hier und heute.

Damit wird auch klar, warum wir nicht einfach aufhören zu rauchen, deutlich weniger Fleisch essen oder mehr Sport machen. Wir begreifen zwar abstrakt, welche Konsequenzen unser Handeln in der Zukunft haben wird, bringen diese Konsequenzen aber nicht mit unserer Person in Verbindung.

Da uns unser zukünftiges Selbst fremd ist, haben wir heute nur wenig Mitleid mit der Person, die in 25 Jahren vielleicht einen Herzinfarkt bekommt oder mit leeren Taschen auf das bisschen Staatsrente hoffen muss, das es in Zukunft noch geben wird. Auch wenn wir diese Person sein werden.

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Der Gesichtsrentner

Würdest du für diesen älteren Herrn Geld sparen wollen? Ich schon, schließlich sieht so mein Alter Ego in 30 Jahren aus.

Zumindest, wenn man dem Faceretirement Generator von Merrill Edge glauben mag. Vor allem die Simulationen jenseits der 80 Jahre sind wirklich “interessant”, setzen allerdings etwas Selbstironie voraus.

Probier es einfach mal aus.

Tipp:
Du kannst natürlich auch eine “Gesichtsalterungs”-App wie z.B. AgingBooth benutzen. Gibt es für iOS– und Android-Smartphones.

Welchen Sinn aber sollte es haben, sich seine digital vorgealterte Visage anzusehen? Ist der Blick morgens in den Spiegel nicht Zumutung genug?

In weiteren Untersuchungen konnte der Psychologe Hal Hershfield zeigen, dass es durchaus möglich ist, eine emotionale Verbindung zu unserem zukünftigen Ich herzustellen.

In mehreren Versuchsreihen wurden Probanden Bilder ihres (digital) gealterten Gesichts gezeigt. Die Bereitschaft, Geld zurückzulegen, stieg dadurch deutlich.

Heute oder morgen?

Wir können in unserem Kopf die Zukunft simulieren und – der eine mehr, der andere weniger – das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung kontrollieren. Kurz gesagt: wir haben grundsätzlich alle Voraussetzungen, um erfolgreich zu sparen.

Warum tun wir es dann trotzdem nicht, zu wenig oder viel zu spät?

Weil wir Meister im Verdrängen und Aufschieben sind. Wir prokrastinieren. Jahr für Jahr suggerieren wir uns: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das Leben ist lang und sparen kann man später immer noch.

Was wir übersehen: Vermögen wächst durch den Zinseszinseffekt und Zeit spielt dabei die entscheidende Rolle.

Ein Beispiel:
Die Geschwister Dustin, Justin und Chantal möchten bis zu ihrem 65. Lebensjahr jeweils ein Vermögen von 250.000€ bilden. Alle drei erzielen eine Rendite von 3%. Dustin geht die Sache locker an und fängt erst im Alter von 45 Jahren an zu sparen. Justin startet hingegen mit 35 Jahren und Chantal bereits mit 25.
 
Dustin
Anlagedauer: 20 Jahre
Sparrate: 763€
Einzahlungen: 183.103€
Zinsen: 66.897€
 
Justin
Anlagedauer: 30 Jahre
Sparrate: 431€
Einzahlungen: 155.123€
Zinsen: 94.877€
 
Chantal
Anlagedauer: 40 Jahre
Sparrate: 272€
Einzahlungen: 130.503€
Zinsen: 119.497€

Beachte, dass nicht nur die monatliche Sparrate umso niedriger ausfällt, je länger die Laufzeit ist. Auch der notwendige Gesamtbetrag, der angespart werden muss, nimmt mit zunehmender Laufzeit deutlich ab. Den Rest der Arbeit übernimmt der Zinseszinseffekt.

Hinzu kommt, dass die Zeit der einzige Parameter beim Vermögensaufbau ist, den wir selbst kontrollieren können. Auf Rendite und Risiko können wir nur begrenzt Einfluss nehmen, auf Inflation und Steuern gar keinen.

Statt dich der Hoffnung hinzugeben, dass es schon irgendwie gut gehen wird, wenn du mit dem Sparen erst kurz vor knapp beginnst, solltest du dich frühzeitig auf die Bereiche konzentrieren, die du selbst beeinflussen kannst. Das sind im wesentlichen die Sparrate und die Spardauer.

Je eher, desto besser.

Die wenigsten allerdings haben diese Weitsicht bereits in jungen Jahren. Auch ich hätte viel früher anfangen sollen, regelmäßig mehr zurückzulegen. Was auch machbar gewesen wäre, hätte ich in den ersten Jahren, in denen ich eigenes Geld verdient habe, nicht zuviel Gedöns gekauft.

Ob Fahrräder, Klamotten oder technischer Firlefanz. Wir häufen in unserem Leben viel Zeugs an, das wir letztlich kaum nutzen. Wann auch, wir haben ja kaum Zeit.

Es ist erstaunlich: man kann 1.000 mal gehört und gelesen haben, dass materielle Dinge nicht das Glück bedeuten, das sie vor dem Kauf versprechen. Und doch braucht jeder von uns seine Zeit, um wirklich zu begreifen, was damit gemeint ist.

Ganz ehrlich, wie oft hast du bereits kurz nach einem Kauf gedacht: das hätte ich mir sparen können?

Mach es besser. Sei gut zu deinem zukünftigen Selbst und fang an zu sparen. Am Besten noch heute.
 

Was motiviert dich zum sparen? Wie gut gelingt es dir, Belohnungen in Form von Konsum aufzuschieben? Hat sich die Bereitschaft zu sparen im Laufe deines Lebens geändert? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Bildquelle: “Joy” von Rigor Mortisque (bearbeitet), lizensiert unter CC BY 2.0

  • Dummerchen 15. April 2013, 20:50

    Hallo Holger,
     
    sparen war und ist für mich noch nie schwierig gewesen. In meiner Jugend war es ganz normal, dass ich mir größere Anschaffungen selbst erarbeiten und ersparen musste. Als Jugendlicher hat man zwar schon etwas neidisch auf die Gleichaltrigen geschaut, die immer von ihren Eltern reich beschenkt wurden, aber heute bin ich im Rückblick glücklich darüber, diese wichtige Lektion fürs Leben gelernt zu haben.
     
    Ein schöner Nebeneffekt war, dass man sicher sehr viel genauer überlegen musste (und durch die Anspardauer auch konnte), ob man das Objekt der Begierde wirklich brauchte. Das ist auch heute noch eine gute Strategie: Potentielle Impulskäufe sollte man einfach etwas herauszögern und sich dann fragen, ob man den Kauf wirklich braucht oder einfach nur aus einer Laune heraus “interessant” fand. (Einen Einkauf kann man im virtuellen Warenkorb meist einfach liegenlassen und nach wenigen Tagen nochmal neu bewerten.)
     
    Natürlich ist es nicht immer so, dass ich mir immer nur objektiv sinnvolle Dinge gekauft hätte. Aber mit zunehmendem Alter merke ich immer mehr, was mir wirklich wichtig ist und das sind mehr und mehr immaterielle Dinge wie eine glückliche Beziehung, ein Mehr an freier Zeit und vertiefte Freundschaften. Dazu bedarf es nicht viel Geld und somit bleibt mehr fürs Sparen über.
     
    Auch die Strategie, bereits beim Gehaltseingang Geld zurückzulegen, erscheint mir sinnvoll, wenn man die Sparbemühungen erhöhen möchte. Was einmal aus den Augen (Girokonto) ist, wird weniger leichtfertig ausgegeben.
     
    Viele Grüße,
    Dummerchen
     
    PS: Deine optische Überarbeitung der Homepage gefällt mir sehr gut – die Qualität der Beiträge auch. Eine Anregung hätte ich noch – eine Übersicht der letzten Kommentare fände ich noch interessant. Dann sieht man leichter, ob sich neben Deinen Artikeln noch eine hoffentlich lebhafte Diskussion dazu ergeben hat.

    • Holger Grethe 15. April 2013, 21:19

      Hi Dummerchen,

      vielen Dank für deinen schönen Kommentar.

      Hört sich ganz so an, als ob du als Kind beim Marshmallow-Test keinerlei Probleme gehabt hättest, oder? 😉

      “Aber mit zunehmendem Alter merke ich immer mehr, was mir wirklich wichtig ist und das sind mehr und mehr immaterielle Dinge wie eine glückliche Beziehung, ein Mehr an freier Zeit und vertiefte Freundschaften. Dazu bedarf es nicht viel Geld und somit bleibt mehr fürs Sparen über.”

      Besser hätte ich es nicht sagen können! Es sind die Erfahrungen, die uns glücklich machen, nicht materielle Dinge. Der/die eine kapiert das früher, der/die andere eben etwas später. Manche leider nie…

      Deine Anregung bezüglich der Kommentare nehme ich gerne auf. Mal gucken, ob und wie ich da eine Lösung finde. Denn über lebhafte Diskussionen würde ich mich natürlich auch freuen.

      Viele Grüße
      Holger

  • Dummerchen 16. April 2013, 18:27

    Da möchte ich Holger beipflichten. Mit etwas mehr Geld im Rücken lässt sich das Leben ganz anders beschreiten. Ob es ein früherer Ausstieg aus dem Berufsleben, ein Wechsel in einen schlechter bezahlten (aber vielleicht interessanteren) Job oder einfach nur das gute Gefühl ist, nicht bei einer “unglückliches Phase im Leben” vor dem finanziellen Nichts zu stehen: auch ohne einen hohen Geldbedarf lohnt sich in meinen Augen das sparen.

  • Nate 17. April 2013, 04:37

    Danke ihr Beiden. Macht durchaus Sinn in meinen Augen. Mir hat halt der Gedanke missfallen, ein Leben lang Geld zu scheffeln und es dann schlussendlich nie zu gebrauchen.

    Als Sicherheit oder auch der Weg in die Freiheit ist das natürlich eine tolle Sache. Danke dass ihr mir diesbezüglich ein wenig die Sicht verändert habt. 🙂

    Alles Liebe,
    Nate

  • Idi 27. August 2013, 11:20

    Ein wirklich interessantes Experiment.
    Aber ich glaube, dass bei der Entwicklung noch mehr Faktoren eine Rolle spielen, als das bloße Nicht-Essen bzw. Essen des Marshmallow.
    Dennoch ein guter Artikel!

    • Holger Grethe 27. August 2013, 12:21

      Klar, war ja nur ein wissenschaftliches Experiment. Aber wenn man Kleinkinder untersuchen will, läuft es vermutlich immer auf Süßigkeiten als Belohnungssystem hinaus…

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