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Ist die Investition in Rohstoffe eine gute Idee?

Holger Grethe
Autor
Letzte Aktualisierung

Rohstoffe dürfen in keinem Depot fehlen, sagen die einen.

Auf diese Anlageklasse kann man gut und gerne verzichten, sagen die anderen.

Tragen Rohstoff-Investments wirklich dazu bei, das Gesamtrisiko eines Portfolios zu senken, wie immer behauptet wird?

Was ist dran an dem Vorwurf, die Spekulation auf Agrarrohstoffe verschlimmere Hungersnöte in Entwicklungsländern?

Um dir die Entscheidung für oder gegen ein Investment in Rohstoffe zu erleichtern, beleuchte ich in diesem Artikel die wichtigsten Aspekte dieser nicht ganz unumstrittenen Anlageklasse.

Pro und Contra

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, die für die Investition in eine bestimmte Anlageklasse sprechen:

  1. Mit der Investition sind attraktive Renditechancen verbunden
  2. Mit der Investition sinkt das Risiko des Gesamtportfolios, das heißt, es ist ein guter Diversifikationseffekt gegeben

Es gibt aber auch eine Reihe von Gründen, die gegen ein Investment in eine bestimmte Anlageklasse sprechen können:

  • das Investment ist schwer zu verstehen
  • es ist spekulativ, wenn keine Erträge wie Dividenden oder Zinsen erwirtschaftet werden
  • ethische, ökologische oder religiös-moralische Bedenken sprechen dagegen

Bevor wir Rohstoffe als Anlageklasse auf die einzelnen Punkte hin untersuchen, sollten wir kurz auf ein paar Basics eingehen.

Zu den wichtigsten Rohstoffen zählen …

  • Industriemetalle wie Aluminium, Kupfer, Nickel, Zink, etc.
  • Edelmetalle wie Gold, Silber, Platin, etc.
  • Fossile Brennstoffe wie Öl und Gas
  • Agrarerzeugnisse wie Baumwolle, Bauholz, Kaffee, Reis, Zucker, Getreide, etc.

Wie Rohstoffe gehandelt werden

Ein Teil der Rohstoffe wird am Spot-Markt (Ware gegen Geld) gehandelt. Dort tummeln sich allerdings ausschließlich Produzenten und Großhändler, die miteinander Geschäfte machen.

Für Anleger sind die meisten Rohstoffe – mit Ausnahme der Edelmetalle – sinnvollerweise nur über sogenannte Futures bzw. Futureskontrakte handelbar.

Der Name Futures verrät bereits, dass es sich hier um irgendein Ereignis in der Zukunft handeln muss.

Ein Futureskontrakt ist ein Vertrag, der festlegt, zu welchem Zeitpunkt (in der Zukunft) ein bestimmter Rohstoff (z.B. Zucker) in welcher Menge (z.B. 5 Tonnen), in welcher Qualität und zu welchem Preis geliefert wird. Nach Ablauf des Vertrages wandert der Rohstoff wie vereinbart vom Verkäufer zum Käufer.

Halt, wir wollen keine 5 Tonnen Zucker im Keller bunkern! Wir wollen doch nur ein bisschen Geld damit verdienen …

Wie verdient man Geld mit Rohstoffen?

Um zu verhindern, dass die Ware ausgeliefert wird, muss der Futureskontrakt vor dem Ablauftermin weiterverkauft werden. Und an dieser Stelle wird klar, warum Anleger den Zirkus mit Rohstoffen überhaupt betreiben:

Ziel ist es, den Futureskontrakt vor Ablauf mit Gewinn weiterzuverkaufen. Zum Beispiel an jemanden, der die Ware auch wirklich geliefert bekommen möchte.

Anleger spekulieren also darauf, dass der Futureskontrakt während seiner Laufzeit im Preis steigt. Mit dem Verkaufserlös kann dann der nächste Kontrakt bezahlt werden.

Will man auf längere Sicht in Rohstoffe investieren, wird auch dieser Futureskontrakt vor Ablauf verkauft und in den nächsten Futureskontrakt „gerollt“. Das Vorgehen wird daher auch als „Rollover“ bezeichnet.

Ist der neue Kontrakt teurer als der alte, muss der Anleger für den Kauf Geld hinzuschießen. Das heißt, er macht einen Rollverlust. Ist der neue Kontrakt billiger als der alte, macht der Anleger einen Rollgewinn.

Man muss das Kaufen und Verkaufen der Futureskontrakte natürlich nicht selbst übernehmen. Mit dem Kauf von Anteilen eines Rohstoff-Fonds kann man einfach und bequem in diese Anlageklasse investieren.

Auf längere Sicht Geld verdienen lässt sich mit Rohstoffen nur durch Rollgewinne, denn es gibt weder Zinsen noch Dividenden, die ausgeschüttet werden.

Da liegt die Frage auf der Hand, ob sich der ganze Aufwand im Verhältnis zum Risiko auch bezahlt macht …

Welche Rendite bieten Rohstoffinvestments?

Grundsätzlich gilt: wer mehr Rendite erzielen möchte als mit risikoarmen Anlageklassen (als Referenzpunkt dienen Staatsanleihen mit hoher Bonität) machbar ist, muss mehr Risiko in Kauf nehmen.

Das Risiko besteht bei Rohstoffinvestments im Wesentlichen in unerwarteten Preisentwicklungen mit der Folge von Rollverlusten.

Wie es im Einzelnen zu Gewinnen und Verlusten kommt, ist bei Rohstoff-Investments zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu verstehen. Wenn du es genauer wissen willst, dann kann ich dir diese Übersicht von Vanguard empfehlen.

Historische Renditen

Rohstoff-Futures als für Privatanleger handelbare Anlageklasse haben eine vergleichsweise junge Geschichte. Der S&P GSCI ist einer der älteren Rohstoffindizes, in den man investieren kann. Er wird seit 1991 berechnet.

Für weiter in die Vergangenheit reichende Renditebetrachtungen besteht das Problem, dass keine einheitlichen Datenserien existieren. Finanzwissenschaftliche Untersuchungen zur historischen Rendite von Rohstoffen behelfen sich daher meist mit eigens konstruierten Indizes für den gesamten Rohstoffmarkt.

So konnte in der bereits zitierten Vanguard-Studie im Zeitraum zwischen 1959 und 2009 für den Rohstoffmarkt eine durchschnittliche nominale Rendite von 9,8 Prozent pro Jahr ermittelt werden. Im gleichen Zeitraum wuchs der amerikanische Aktienmarkt um 9,0 Prozent jährlich.

Auch andere Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass sich sowohl die mit Rohstoffen erzielbare Rendite als auch ihre Volatilität (die Schwankungsbreite der Jahresrenditen) etwa auf dem Niveau von Aktien befindet.

Wer eh Aktien im Depot hat, hätte also allein aufgrund des Chance-Risiko-Profils keinen harten Grund, daneben in Rohstoffe zu investieren.

Die Beliebtheit, der sich Rohstoffe in den letzten Jahren als Anlageform erfreuen, beruht auf einer anderen Eigenschaft.

Gemeint ist der …

Diversifikationseffekt

Rohstoffe gelten aufgrund ihrer geringen Korrelation mit dem Aktienmarkt als ideales Investment, um das Gesamtrisiko eines Portfolios bei gleichen Renditechancen zu senken.

Eine niedrige Korrelation zwischen zwei Anlageklassen bedeutet, dass ihre Jahresrenditen sich mehr oder weniger unabhängig voneinander entwickeln. Während man also in einem Jahr mit Aktien Verlust macht, kann dieser durch einen Gewinn mit Rohstoffen aufgefangen werden.

Doch dieses schöne Bild bekommt zunehmend Risse. Immer mehr Autoren monieren, dass die Korrelation zwischen Aktien und Rohstoffen zwar langfristig gering sei, ungünstigerweise aber ausgerechnet in Krisenzeiten deutlich steige.

Insbesondere die Aktienmarktverluste zu Beginn der Finanzkrise in 2008 wurden durch Rohstoffe nicht aufgefangen.

Der Aktienindex S&P 500 brach 2008 um 38,5 Prozent ein, der Rohstoffindex DJ GSCI verlor im Jahr darauf 41 Prozent, der Rogers International Commodity Index (RICI) gar 44 Prozent (gemessen an den jeweiligen Jahresschlussständen).

Versagen Rohstoff-Investments also genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht?

Ja, meint der Finanzautor William J. Bernstein und begründet dies in „Skating Where the Puck Was: The Correlation Game in a Flat World“ (*) unter anderem mit der stetig zunehmenden Verflechtung globalisierter Märkte.

Der Diversifikationseffekt von Rohstoffen sei nur solange vorhanden gewesen, wie eine begrenzte Zahl von Anlegern Zugang zu dieser Anlageklasse hatte.

Mit anderen Worten: sobald auf der ganzen Welt Hinz und Kunz in Rohstoffe investieren kann, ist er dahin, der Diversifikationseffekt. Zumal die breite Masse ja gerne dazu neigt, in Krisenzeiten panikartig alles zu verschleudern, was gewissen Wertschwankungen unterliegt. Also auch Rohstoffe.

Was spricht gegen Rohstoffinvestments?

Neben der umstritteten Frage bezüglich ihrer Korrelation zum Aktienmarkt gibt es eine Reihe von Argumenten, die Rohstoffe als Anlageklasse für Privatanleger in Frage stellen:

1. Rohstoffinvestments sind schwer zu verstehen

Grundsätzlich empfiehlt es sich, nur in Anlageklassen und -produkte zu investieren, deren Chancen und Risiken man zumindest einigermaßen versteht.

Wer sich bereits tiefer mit Rohstoffinvestments beschäftigt hat, weiß, dass es sich um eine hochkomplexe Geschichte handelt, bei der einem schnell der Schädel qualmt.

Ich bin in diesem Artikel bewusst nicht auf Begriffe wie „Contango“ und „Backwardation“ eingegangen, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften.

Man darf und sollte also mehr als skeptisch sein, ob eine derart komplizierte und verglichen mit Aktien und Anleihen noch relativ junge Anlageklasse wirklich ein gutes Investment für (unerfahrene) Privatanleger ist.

Insbesondere für Anleger, die auf eine „buy-and-hold“-Strategie setzen.

2. Rohstoffinvestments sind spekulativ

Man kann durchaus die Position vertreten, dass es sich bei Rohstoff-Futures um rein spekulative Investments handelt.

Rohstoffe sind nicht produktiv, mit ihnen lassen sich also keine laufenden Einnahmen wie Dividenden oder Zinsen erwirtschaften. Sie bleiben letztlich eine Wette auf die Preisentwicklung.

3. Es gibt ethische Bedenken

Auch Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Zucker gehören zur Gruppe der Rohstoffe.

Begibt man sich als Anleger nun in die Rolle des Preistreibers und trägt mit Schuld daran, wenn durch Rohstoffspekulation Lebensmittel für Menschen in Entwicklungsländern unerschwinglich werden?

Fehlalarm, sagen Wissenschaftler der Universität Halle, die insgesamt 35 Studien auf diese Fragestellung hin untersucht haben.

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Preiskapriolen der jüngeren Vergangenheit realwirtschaftliche Ursachen hatten und eher nicht auf spekulative Vorgänge zurückzuführen sind.

Genau weiß es allerdings niemand.

Was bedeutet, dass selbst für Experten die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit kaum zu überblicken sind.

Das Fazit

Was unter dem Strich bleibt, ist ein Diversifikationseffekt, dessen Wirksamkeit umstritten ist, sowie ethische Bedenken hinsichtlich der Spekulationseffekte bei Agrarrohstoffen.

Es fällt dadurch nicht ganz leicht, beim Thema Rohstoffe zu einem eindeutigen Urteil zu kommen.

Anders als im Strafrecht üblich habe ich mich hier im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden und verzichte daher völlig auf diese Anlageklasse.

Es gibt andere Mittel und Wege, um das Gesamtrisiko seines Depots zu senken. Auch ohne Rohstoffe.

Autor: Holger Grethe
Holger hat Zendepot Anfang 2013 gegründet und dort als einer der ersten deutschen Blogger regelmäßig über passives Investieren mit ETFs und weitere Finanzthemen informiert. Im Juni 2021 beschloss Holger, das Projekt Zendepot für sich abzuschließen, um sich auf sein Kerngeschäft, die eigene Praxis, zu konzentrieren. Die Beiträge von Holger können jedoch weiterhin im Zendepot-Blog abgerufen werden.