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ETF-Nachteile: Diese 10 Kritikpunkte solltet ihr kennen

Autor
Martin Gschwentner
Geprüft durch
Prof. Dr. Alexander Zureck
Letzte Aktualisierung

ETFs liegen im Trend: Das weltweit in ETFs investierte Vermögen ist seit 2010 beinahe ums Zehnfache gestiegen. Immer mehr Menschen möchten ihr Geld passiv investieren, um sicher, kostengünstig und einfach ein Vermögen anzuhäufen. Doch sind ETFs wirklich so toll, wie alle behaupten?

Um das herauszufinden, haben wir uns mal bei ETF-Kritiker:innen umgehört und die gängigsten Kritikpunkte und möglichen Nachteile von ETFs zusammengestellt. Eine Einschätzung, was wir von der Kritik halten, geben wir natürlich ebenfalls.

1.

Mitspracherecht? Fehlanzeige.

Auf eine Einladung zu den Hauptversammlungen der Unternehmen, in die ihr euer Geld über ETFs investiert, müsst ihr leider lange warten. Ihr habt somit bei Fragen wie der Dividendenhöhe keinen Einfluss – im Gegensatz zu Aktionär:innen, die einzelne Aktien kaufen.

Das heißt aber nicht, dass ihr mit eurem Geld kein Mitspracherecht „erkauft“. Das Problem: Es gehört nicht euch selbst, sondern der Fondsgesellschaft bzw. dem ETF-Anbieter. Wenn ihr also einen ETF von iShares kauft, gebt ihr euer Stimmrecht an iShares (und damit an dessen Mutterunternehmen Blackrock) ab.

Ist das fair? Nicht wirklich, allerdings:

  1. besteht dasselbe Problem bei regulären Investmentfonds und
  2. könnt ihr als kleine „Normalo-“Aktionär:innen mit eurem Stimmrecht sowieso nicht allzu viel bewegen.

Dennoch: Wenn ihr auf ein Mitspracherecht besteht, sind ETFs nicht die richtige Wahl für euch.

Die Gefahr, dass Meinungsmacher von Blackrock & Co. (von euch finanziert) die Macht über Unternehmen erhalten, ist dabei vor allem bei ETFs gegeben, die in Nischen-Werte und kleinere Unternehmen investieren. Wenn nämlich ohnehin nur wenige aktive Shareholder mitmischen, wird der Einfluss der Fondsgesellschaft umso größer. Bei großen Unternehmen besteht dieses Risiko hingegen kaum.

2.

Mögliche Verluste durch schwankende Kurse

Auch ETF-Kurse entwickeln sich nicht nur in eine Richtung: Weil es der Wirtschaft mal besser und mal schlechter geht, müsst ihr euch auch bei ETF-Investitionen an ein Auf und Ab gewöhnen. Und weil ETFs börsengehandelt sind, werden Auf- und Abwärtsbewegungen vom Kaufverhalten der Anleger:innen noch verstärkt: Wenn es einmal schlechter läuft, bekommen viele Leute kalte Füße und verkaufen ihre Bestände, während positive Entwicklungen die Nachfrage noch verstärken.

ETFs unterliegen also, genau wie alle anderen Anlageprodukte, Kursschwankungen. Hin und wieder kommt es sogar zu richtigen Krisen und Einbrüchen. Wenn ihr sie zu einem schlechten Zeitpunkt verkauft (oder verkaufen müsst), könntet ihr große Verluste machen. Doch wie gesagt: Das ist kein Risiko von ETFs, sondern von Investitionen allgemein. Entgegenwirken könnt ihr diesem Risiko mit einem angemessenen Anlagehorizont. Doch auch hier sehen manche Leute einen ETF-Kritikpunkt.

Auch wenn die Kurve langfristig nach oben geht, ist es auch bei ETFs ein Auf und Ab (Bildquelle: MSCI).

3.

Nicht als kurzfristige Anlage geeignet

Vorab: Natürlich sollten wir nicht alle ETFs über einen Kamm schweren. Es gibt spekulative und gehebelte ETFs, die auf schnelles Wachstum aus sind, und Anleihen-ETFs, die vergleichsweise geringen Kursschwankungen unterliegen. Für Aktien-ETFs gilt jedoch allgemein: Sie sind nicht für kurzfristige Anlagen geeignet, sondern erfordern einen längeren Anlagehorizont.

„Mindestens fünf Jahre“ ist eine Faustregel, die man dazu oft hört. 20 sind natürlich noch besser. Hier jedoch der Hinweis: Weil ihr als ETF-Anleger:in an der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung partizipiert, kann es natürlich sein, dass ihr kurz vor einer Rezession investiert. Dann könnten auch fünf Jahre nicht genug sein – manche Wirtschaftsexpert:innen sprechen von 10-Jahres-Wirtschaftszyklen. Ihr solltet euch also nicht auf eine konkrete Jahreszahl versteifen, euch jedoch bewusst sein, dass die meisten ETFs für langfristige Kapitalanlagen konzipiert sind.

Wer eine kurzfristige Anlagemöglichkeit sucht, am liebsten täglich aufs Depot schaut und sich großes Wachstum innerhalb von einem oder zwei Jahren erhofft, ist bei ETFs generell an der falschen Adresse. Ob dies ein Vorteil oder ein Nachteil ist, hängt vom Vorhaben und der Erwartungshaltung von euch Anleger:innen ab – und genauso verhält es sich mit dem nächsten Kritikpunkt.

4.

Nicht darauf aus, den Markt zu schlagen

Einer der größten Unterschiede zwischen passiven ETFs und aktiv gemanagten Fonds ist die Tatsache, dass letztere darauf aus sind, den Markt zu schlagen, also stärker zu wachsen als die Wirtschaft. Nicht so ETFs: Sie entwickeln sich parallel zu den Referenzindizes, die sie abbilden – also beispielsweise zum DAX oder dem S&P 500 – und liefern (in etwa) die gleiche Rendite.

Gegenargument: Auch aktiv gemanagte Fonds schaffen es selten, den Markt zu schlagen, wie unter anderem das SPIVA-Barometer zeigt (Bildquelle: S&P Dow Jones Indices).

ETF-Befürworter:innen sehen darin einen Vorteil, weil Märkte (und die Indizes, sie abbilden) auf lange Sicht stets wachsen, und die ETF-Renditen mit. Wenn ihr jedoch auf der Suche nach einem Anlageprodukt seid, mit dem ihr den Märkten voraus seid und schnell hohe Gewinne erzielen könnt, seid ihr bei ETFs kategorisch falsch.

5.

Einfache Handelbarkeit kann in Krisen zum Verkauf verleiten

Langfristiges Investieren klingt in der Theorie schön und gut. Doch stellt euch folgendes Szenario vor: Eines Tages habt ihr euch ein stattliches Portfolio aufgebaut und eine beträchtliche Summe in ETFs investiert. Doch wie die Märkte eben sind, kommt es plötzlich zum Crash. Ihr müsst hilflos zusehen, wie euer Depot immer weiter abrutscht, und fasst den Entschluss: lieber jetzt verkaufen, ehe die Kurse noch weiter fallen und sich der Wert am Ende halbiert.

Das ist bei ETFs ohne Weiteres möglich, weil sie jederzeit handelbar sind und als besonders liquide gelten. Doch wenn sich die Märkte in ein paar Monaten (oder auch Jahren) vom Crash wieder erholt haben und die Wertentwicklung des ETFs dort weitermacht, wo sie aufgehört hat, wird euch klar: Wenn ihr gemäß Buy and Hold einfach gar nichts gemacht hättet, währt ihr mittlerweile wieder im Plus – stattdessen habt ihr ordentlich Geld verloren. Schuld an der Misere seid ihr natürlich selbst, doch die einfache Handelbarkeit von ETFs kann Anleger:innen in schwierigen Zeiten dazu verleiten, ihrer Nervosität nachzugeben.

6.

ETFs können teurer sein als Einzelaktien

Im Vergleich zu aktiv gemanagten Fonds sind ETFs günstig. Doch wie sieht es im Vergleich zum Erwerb von Einzelaktien aus? Jene kosten schließlich nur beim Kauf und Verkauf eine Gebühr, während ETFs laufende Kosten verursachen. Ist ein selbst gemanagtes Aktienportfolio also günstiger als ein ETF?

Jein. Ein kleines Aktienportfolio kommt vielleicht günstiger daher als ein beliebiger ETF. Für einen fairen Vergleich sollten wir auch ein Portfolio vergleichen, das einem ETF in Sachen Diversifizierung ähnelt. Nehmen wir den Vanguard FTSE All-World UCITS ETF: Die Total Expense Ratio (TER) liegt hier bei 0,22 %. Wenn ihr 1.000 € in den ETF investiert habt, bezahlt ihr jährlich also 2,20 € an laufenden Kosten, die bei einem selbst gemanagten Aktienportfolio nicht fällig wären. Allerdings investiert ihr damit in rund 4.000 Unternehmen in fast 50 Ländern. Ein ähnliches Aktienportfolio selbst aufzubauen und zu managen, wäre ein riesiger Zeitaufwand und schon allein durch die Kaufgebühren wesentlich kostspieliger.

In Anbetracht der ohnehin geringen Gebühren von ETFs ist das Kostenargument also nicht überzeugend. Für das, was sie leisten, sind ETFs also sogar günstiger als Aktien.

7.

Nicht immer ist klar, welche Titel enthalten sind

Das ETF-Prinzip ist schnell erklärt: ETFs enthalten die gleichen Aktien, in der gleichen Gewichtung, die in einem Referenzindex wie dem DAX enthalten sind. Wenn Siemens also beispielsweise mit einem Anteil von 7,5 % im DAX vertreten ist, setzt sich auch der ETF zu 7,5 % aus Siemens-Aktien zusammen. So bilden ETFs die Entwicklung eines Index exakt nach, liefern zuverlässig die Indexrendite – und Anleger:innen wissen stets genau, was sich im Depot befindet.

Ganz so simpel ist es in der Praxis aber nicht immer: Während im DAX nur 40 Unternehmen enthalten sind, sind es im oben genannten All-World ETF rund 4.000. Hier ist es kaum möglich, ständig alle Wertpapiere in der richtigen Gewichtung zu balancieren. Deshalb kommt bei vielen ETFs die sogenannte Teilreplikation bzw. Sampling zum Einsatz: Sie investieren nicht in alle Index-Werte, sondern eine optimierte Auswahl davon. Die Transparenz ist im Vergleich zur Vollreplikation eingeschränkt, weil der Inhalt des ETFs für euch als Anleger:innen etwas schwieriger nachvollziehbar ist.

Bei synthetisch replizierenden ETFs müsst ihr mit einer geringen Transparenz leben.

Noch weniger transparent sind synthetisch replizierende ETFs: Jene versuchen gar nicht erst, einen Index durch den Kauf der darin enthaltenen Werte nachzubilden. Stattdessen schließen sie einen Vertrag mit einem Swap-Partner, der (gegen Bezahlung) garantiert, dass er ihnen die Rendite des Referenzindex mitsamt Dividenden ausbezahlt. Dadurch können auch Märkte abgebildet werden, an denen sich physisch replizierende ETFs die Zähne ausbeißen würden, doch die Transparenz ist gering.

Wenn ihr „hohe Transparenz“ als ETF-Vorteil gelistet seht, solltet ihr also wissen, dass dies bei weitem nicht für alle ETFs gilt. Am transparentesten sind voll replizierende ETFs.

8.

Kontrahentenrisiko bei Swap-ETFs

Wo wir gerade von Swap-ETFs sprechen: Jene sind nicht nur intransparent, sondern bergen auch ein Kontrahentenrisiko. Mit dem Swap-Partner machen sich – und euch – ETF-Anbieter schließlich von einem Drittanbieter abhängig. Jener könnte pleitegehen oder seinen Zahlungsverpflichtungen aus anderen Gründen nicht nachkommen, was eure Rendite beeinträchtigt. 

Klingt gefährlich, doch glücklicherweise gibt es einige Schutzmechanismen, die das Risiko abschwächen. Anbieter von Swap-ETFs müssen einen Korb an Sicherheiten mit besonders liquiden Wertpapieren (häufig auch Staatsanleihen) besitzen. Laut EU-Richtlinien darf der Unterschied zwischen dem Wert des Sicherheitskorbs des ETF-Anbieters und dem Wert des Referenzindex niemals größer als 10 % sein – spätestens dann muss ein Swap erfolgen. Das Kontrahentenrisiko hält uns also nicht davon ab, in Swap-ETFs zu investieren. Komplett auszuschließen ist es jedoch nie.

9.

Wechselkursrisiko bei Investitionen in anderen Währungsräumen

Wenn ihr in ausländische Wertpapiere investiert, macht ihr euch auch von Kursschwankungen der jeweiligen Währung abhängig. Das gilt auch für ETFs: Wenn der ETF, in den ihr investiert, viele Fremdwährungen enthält, ist seine Wertentwicklung natürlich eng an die Wechselkurse gekoppelt. Wenn ihr in einen US-ETF investiert, können Kursschwankungen des US-Dollars dafür sorgen, dass ihr Verluste macht oder die Rendite bei einer generell positiven Wertentwicklung nicht ganz ausschöpfen könnt.

Ein Beispiel: Der MSCI World-Index hat zwar die "Welt" im Namen, besteht jedoch zu fast 70 % aus US-AKtien:

MSCI World
LandAnteil
Vereinigte Staaten
68,9 % 
Japan
6,0 % 
Vereinigtes Königreich
4,3 % 
Kanada
3,5 % 
Frankreich
3,3 % 
Schweiz
2,8 % 
Deutschland
2,2 % 
Australien
2,2 % 
Niederlande
1,2 % 
Schweden
0,9 % 
Basis: Amundi Index MSCI World (LU1737652237), 07.12.2022

Wenn ihr dieses Risiko vermeiden möchtet, könnt ihr natürlich beschließen, nur in ETFs mit Wertpapieren aus der Eurozone zu investieren. Der Nachteil liegt auf der Hand: Euer Portfolio ist weniger breit gestreut und diversifiziert. Alternativ gibt es auch „gehedgte“ ETFs, die euch gegen das Währungsrisiko (gegen Aufpreis) absichern. Mit einer ausreichend hohen Diversifizierung und einem ausreichend langen Anlagehorizont sollte euch das Währungsrisiko aber auch so kein allzu großes Kopfzerbrechen bereiten – denn auf lange Sicht halten sich Euro und Dollar doch meist die Waage.

10.

Komplexe ETFs sind nichts für Anfänger

ETFs gelten als anfängerfreundliche Art, zu investieren, weil sie einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu einem breiten Portfolio bieten. Doch ETF ist nicht gleich ETF: Es gibt auch ETFs für fortgeschrittene Trader, die höhere Renditen in Aussicht stellen – im Gegenzug für höhere Risiken. Da wären beispielsweise gehebelte ETFs: Jene enthalten Derivate, die dafür sorgen, dass Gewinne – und Verluste – ein Vielfaches der Indexentwicklung betragen. Dadurch sind schnelle Renditen möglich, aber es kann eben auch steil nach unten gehen.

Auch von inversen ETFs würden wir Anfänger:innen abraten: Dabei handelt es sich um ETFs, mit denen ihr auf fallende Märkte spekuliert. Manche Anleger:innen nutzen diese ETFs, um sich gegen Kursverluste abzusichern, oder eben auch, um von einem erwarteten Kursrückgang finanziell zu profitieren.

Auch bei ETFs gilt deshalb: Vergesst nicht, dass die Chance auf höhere Gewinne auch immer größere Risiken bedeutet. Haltet euch zudem an den Rat von Warren Buffett: Investiert nur in Produkte, die ihr auch versteht („Never invest in a business you cannot understand“).

Fazit: Warum wir trotzdem in ETFs investieren

ETF sind weder perfekt noch hundertprozentig sicher, absolut krisenfest oder die richtige Wahl für jeden Anleger:innentyp. Es handelt sich um ein Anlageprodukt mit Vor- und Nachteilen, wobei erstere unserer Meinung nach klar überwiegen. 

Viele Nachteile sind nicht ETF-spezifisch, sondern bestehen bei so ziemlich jeder Investition. Einige Nachteile – beispielsweise die „moderate“ Wertentwicklung – sind eng mit den ETF-Vorzügen verknüpft. Manche Nachteile werden noch immer von Nutznießer:innen aktiver Fonds propagiert, schließlich machen ETFs den aktiv gemanagten Fonds ihren Platz streitig. Doch natürlich haben ETFs auch ein paar wirkliche Risiken und potenziell gefährliche Eigenheiten, beispielsweise das fehlende Mitspracherecht und die einfache Handelbarkeit.

Wer die verbleibenden Risiken kennt und mit der richtigen Erwartungshaltung in ETFs investiert, sollte sich von den hier genannten Nachteilen jedoch nicht abschrecken lassen: ETFs sind heute die beste Möglichkeit, um einfach und kostengünstig ein breit diversifiziertes Wertpapier-Portfolio aufzubauen.

Autor: Martin Gschwentner
Martin schrieb schon im Studium über Finanzthemen: Seine Masterarbeit verfasste er über die Geschichte amerikanischer Zentralbanken, später forschte er zum Thema Wahlkampffinanzierung. Privat investiert er seit mehreren Jahren in ETFs und Aktien. Heute lebt er in London und arbeitet als freier Texter in den Bereichen Technologie und Finanzen.
Geprüft durch: Prof. Dr. Alexander Zureck
Alexander ist Professor für Banking & Finance an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management und freiberuflich als Coach und Consultant tätig. In seiner Lehre und Forschung befasst er sich mit den wichtigsten Themen zu Finanzierung und Investition, wobei ein Schwerpunkt auf der Finanzbildung liegt. Bei Zendepot stellt er sicher, dass sich keine Fehler oder Ungenauigkeiten in die Artikel einschleichen.