“Aktien sind die beste Antwort auf negative Zinsen” [Interview mit Volker Looman]

"Aktien sind die beste Antwort auf negative Zinsen" [Interview mit Volker Looman]

Langjährige FAZ-Leser werden ihn kennen: den Finanzanalytiker Volker Looman.

Einem breiteren Publikum ist er durch “Die Vermögensfrage” bekannt – eine Kolumne, die von 1999 bis 2014 jeden Samstag in der FAZ erschienen ist.

(Die Kolumne wird seitdem zwar von wechselnden Autoren weitergeführt, hat dadurch aber ihren unverwechselbaren Charme verloren).

Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich Volker Looman für ein kurzweiliges Interview zu diversen Fragen rund um das Thema Geldanlage gewinnen konnte.

Es geht um Negativzinsen, Aktien-Investments und natürlich darf auch das Eigenheim nicht fehlen, wenn von Vermögensbildung die Rede ist …

zendepot: Herr Looman, sie bezeichnen sich als Finanzanalytiker. Was fasziniert Sie an der Auseinandersetzung mit den Finanzen anderer Leute?

Volker Looman: Das sind in erster Linie die Einstellung zu Geld und die Motive, was die Menschen aus bestimmten Gründen mit ihrem Geld machen.

zendepot: Mit welchen Fragestellungen wenden sich Privatanleger an Sie, die eine Beratung wünschen?

Volker Looman: Es geht in der Regel um die Suche nach Antworten auf wichtige Grundsatzfragen: Wie finanziere ich das Eigenheim, wie gestalte ich meine Altersversorgung, wie strukturiere ich das Privatvermögen?

zendepot: In welcher Hinsicht unterscheiden sich aus Ihrer Erfahrung wohlhabende Menschen von weniger gut betuchten im Umgang mit Geld?

Volker Looman: Die “armen” Leute träumen vom Wohlstand, und die “reichen” Leute haben Angst vor der Armut, vor allem dann, wenn sie zuvor arm waren.

zendepot: Was sind die häufigsten Fehler, die Privatanleger beim Vermögensaufbau machen?

Volker Looman: Überschätzung der finanziellen Kompetenz, Hang zu “Über”versicherung, Überbewertung des Eigenheims, Hang zu Immobilien auf Pump und Unfähigkeit, in Aktien auch Chancen zu sehen.

zendepot: In welchem Sinne wird das Eigenheim überbewertet? Als Baustein der Altersvorsorge?

Volker Looman: Der Klassiker ist in meinen Augen die Verteuflung des Vermieters, so nach dem Motto: “Ich bin doch nicht blöd und zahle im Laufe meines Lebens mehrere Hunderttausend Euro an Miete.”

Der Zins an die Bank, den Vermieter ohne Gesicht, wird nicht als “Miete” empfunden. Die Tilgung von Schulden wird als Vermögensaufbau empfunden, und bei Immobilien gibt es, so der landläufige Irrglaube, keinen Wertverlust!

zendepot: Was ist an Immobilien “auf Pump” problematisch? Ist eine Finanzierung mit Fremdkapital nicht der Regelfall?

Volker Looman: Natürlich gehören Immobilien und Kredite zusammen wie Pech und Schwefel. Das ist aber – mit Verlaub gesagt – totaler Schwachsinn.

Erstens wird eine Immobilie durch einen Kredit nicht besser, so wie ein Porsche nicht schneller wird, weil er nicht bar, sondern mit Hilfe eines Kredites bezahlt worden ist.

Zweitens verstehe ich nicht, warum nicht auch Aktien mit Hilfe von Krediten bezahlt werden. Da sind die Aussichten auf Zinsdifferenzen viel größer als bei Immobilien.

Aber nein, das klassische Mantra heißt: Wir haben eine Inflation, der Wert der Immobilie steigt, und der Wert des Kredites sinkt.

zendepot: Manchmal habe ich den Eindruck, bei Immobilien handelt es sich eher um eine Religion als um eine Anlageklasse. Woher rührt die Betongold-Verliebtheit vieler Leute, die kaum kritische Fragen zulässt?

Volker Looman: Immobilien sind in der Tat eine Religion. Das liegt in meinen Augen an zwei Dingen. Im Vergleich zu Geld, auch Aktien, sind Immobilien “anfassbare” Gegenstände.

Hinzu kommt die Intransparenz über die Preise. Die meisten Leute sind der Meinung, ihre Immobilie sei jederzeit mindestens soviel wert wie zum Zeitpunkt des Kaufs.

zendepot: Passt das Eigenheim als Investment-Lösung noch in die heutige Zeit, in der von immer mehr Arbeitnehmern berufliche “Flexibilität” eingefordert wird?

Volker Looman: Jein! Bei angestellten Akademikern großer Konzerne ist das Eigenheim ein gefährlicher Klotz am Bein. Anders sieht es bei Nichtakademikern “auf dem Land” oder “in der Provinz” aus. Da hält sich die Forderung nach Flexibilität doch in Grenzen.

zendepot: Langsam aber sich rückt das Schreckgespenst Negativzinsen auch für Privatanleger näher. Wo kann man sein Geld heute noch anlegen?

Volker Looman: Aktien sind in meinen Augen die beste Antwort auf negative Zinsen.

zendepot: In welcher Form empfehlen Sie Privatanlegern Aktien-Investments: Klassische Investmentfonds, ETFs, Investition in Einzeltitel, oder etwas anderes?

Volker Looman: Bleiben Sie mir bloß weg mit Einzeltiteln und (klassischen) Investmentfonds. Das erste ist Roulettespiel, und das zweite ist Geldverschwendung. In meinen Augen gibt es zu börsengehandelten Indexfonds (ETFs) keine Alternative.

zendepot: Glaubt man den Zahlen des Deutschen Aktieninstituts, dann liegt die Zahl der Börsenanleger konstant auf niedrigem Niveau. Warum tut sich die Mehrheit der Leute mit Aktien noch immer so schwer?

Volker Looman: Der innere Imperativ, daß man – oder frau – kein Geld verlieren darf. Jede Schwankung nach unten wird nicht als vorübergehender, sondern als endgültiger Verlust empfunden. Da heulen im Unterbewusstsein die Siren auf, und die Anleger geraten in Panik.

zendepot: Sie meinen, den meisten Leuten ist der Unterschied zwischen Buchwertverlust und realisiertem Verlust nicht geläufig?

Volker Looman: Ja, dieser Überzeugung bin. Was halten Sie von dem Vorschlag, daß wir bei Ihnen in Düsseldorf auf die Kö(nigsallee) gehen und zehn Leute fragen.

Wenn wir mindestens drei Menschen treffen, die den Unterschied kennen, spendiere ich (uns) ein Glas ordentlichen Champagners. Sonst sind Sie am Zug. Einverstanden?

zendepot: Wenn sich in Düsseldorf jemand mit der Börse auskennt, dann vermutlich am ehesten noch die Kö-Besucher. Daher lasse ich mich gerne auf die Wette ein 😉 Herr Looman, ich danke Ihnen für das Interview!

 

Volker LoomanVolker Looman ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Stuttgart. Er gibt für Steuerberater das Handbuch der Geldanlage heraus und berät Zahnärzte auf Honorarbasis bei der Gestaltung des Privatvermögens. Seit 2015 gibt es zwei Kolumnen aus seiner Feder, die eine jeden Dienstag in der F.A.Z. und die andere jeden Samstag in der Bild-Zeitung.

  • Lothar 3. April 2016, 10:31

    Hallo Holger,
    kurz knapp auf den Punkt. Das Interview enthält viele Erfahrungen, die ich nur bestätigen kann. Geld ist, was wir denken das es ist. So verwundert es nicht, dass sich in unseren Anlagen Hoffnungen und Ängste wiederspiegeln. Beispiel: Immobilien.

    Das Interview finde ich Klasse, wie auch schon das mit Gerd Kommer.

    Herzliche Grüße
    Lothar

  • Dummerchen 3. April 2016, 11:00

    Unverwechselbar Volker Looman: Keine heiße Luft, kein Geschwafel sondern immer klare Kante. Der Mann hat eine Meinung und steht zu ihr. Das habe ich an seinen Kolumnen immer sehr gemocht – auch wenn die Zahlenwerte, mit denen er jongliert hat, den Durchschnittsverdiener zumeist überstiegen.
    Gutes Interview – bitte berichte über den Wettausgang, falls ihr Euch tatsächlich mal in D’dorf auf der Kö treffen solltet 😉 . Ich fürchte, Herr Looman wird die Wette gewinnen – auch auf der Kö.

    Lieben Gruß
    Dummerchen

  • Xaver 3. April 2016, 14:34

    Wirklich sehr guter Beitrag. Vielen Dank dafür! Volker Looman rules:-)

  • Philipp 5. April 2016, 21:03

    Hallo Holger,

    wenn man von Immobilien spricht, muss man aber zwischen dem Eigenheim und einer vermieteten Wohnung unterscheiden.

    Das Eigenheim ist ein finanzieller Irrglaube der Mittelschicht. Aber eine vermietete Wohnung kann durchaus Sinn machen – wie man an den Beispielen Gerald Hörhan und Alex Fischer sieht.

    Wie stehst du dazu, Holger?

    MFG Philipp

    • Dominic 2. Juni 2016, 08:41

      Sehr schönes Interview mit Fakten und tiefgründigen Gedanken.

      @Philipp: Ich staune auch immer wieder, wie viele in meinem Bekanntenkreis das Eigenheim als Anlage sehen. Ist es aber nicht. Denn eine Anlage bringt Geld ein und frisst es nicht, wie es das Eigenheim tut.

  • Köhler 6. April 2016, 16:09

    Klasse…kurz, bündig, klar…weiter so 😉

  • Winfried 7. April 2016, 21:25

    Hallo, ich bin auch froh, daß ich keine eigene Immobile habe, aber was ich mich immer frage ist ….. Warum ist die Quote am Wohnungseigentum in anderen Ländern so hoch und bei uns so niedirig (s. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/155734/umfrage/wohneigentumsquoten-in-europa)? Sind bei uns und der Schweiz, dem Spitzenreiter von unten, die Preise so überteuert im Gegensatz zu anderen Ländern?

    • Jens 8. April 2016, 13:02

      Hallo,
      ich denke, das ist auch kulturell bedingt. In z.B. Deutschland und der Schweiz gibt es ein sehr großes Angebot an Mietobjekten und auch sehr Mieter freundliche Gesetze. In anderen Ländern (z. B. weiß ich es von Russland) würde kaum jemand auf die Idee kommen zu mieten, da gibt es viel weniger Regulierung und Angbot. Eine eigene Immobilie gehört dort einfach dazu und wird auch sehr viel öfters weitervererbt.
      Grüße,
      Jens

  • Sebastian 9. April 2016, 23:40

    Hallo, ich bin wirklich auch ein Fan von der Anlageklasse Aktien. Keine Frage.

    Aber ich finde im Interview wird die Immobilie zu unrecht ziemlich “vernichtet” als sinnvolle Anlage.
    Zum einen finde ich, wenn jemand kein Bezug zur Börse und einfach eine Abneigung gegenüber Aktien und Co hat, ist das Eigenheim als Geldanlage immer noch besser als z.Z. nichts zu machen und das Geld auf dem Sparbuch verrotten zu lassen.

    Zum anderen würde die vermietete Immobilie als Anlage nicht berücksichtigt. Die Immobile gehört für mich einfach zu einem gut ausgewogenen Portfolio dazu und mit Vermietung finde ich die Immobilie sehr attraktiv.
    So zumindest meine Meinung.

    VG Sebastian

  • Dr. Elmar Basse 12. April 2016, 17:30

    Hallo, ja, da ist sicher was dran, dass es bei vielen Menschen eine Aversion dagegen gibt, Miete zu zahlen – wenn sie dann aber selbst Eigentum haben, merken sie erst, welche Folgeprobleme ihnen entstehen.

    Viele Grüße
    Elmar Basse

  • Johannes 8. Mai 2016, 22:31

    Hallo Holger,

    Gutes Interview. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aktien in Zeiten der Nullzinspolitik der EZB immer mehr an Bedeutung gewinnen.
    Auch in Deutschland finden ich sollte mehr über Aktien gesprochen werden. Gerade aufgrund der Tatsache, dass Aktien ständig Schwankungen unterliegen und der Sorge eines möglichen “Börsencrash”, sehen es nach wie vor viele Menschen kritisch. Wichtig dabei ist es sich als Neueinsteiger bewusst zu machen, dass Aktien gerade kurzfristig immer Schwankungen unterliegen und es meist nichts negatives bedeutet. Am Ende des Tages zählt der langfristige Trend.

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