Passiv Investieren (Teil 3) – Passiv schlägt Aktiv

boxer

Heute geht es weiter mit dem dritten Teil der Artikelserie „Passiv Investieren mit ETFs“.

In dieser Folge erfährst du, warum Passives Investieren für die überwiegende Mehrheit aller Anleger die bessere Wahl ist.

Die Lesezeit für diesen Artikel beträgt ca. 11 Minuten.

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich die Philosophie des Passiven Investierens erläutert. Was ist aber gemeint, wenn vom Aktiven Investieren die Rede ist?

Aktive Anlagestrategien sind gekennzeichnet durch:

1. Stock-Picking: das gezielte Aussuchen von „richtigen“ Aktien unter bestimmten Gesichtspunkten

2. Market Timing: das Abpassen „geeigneter“ Zeitpunkte, um in den Aktienmarkt ein- oder auszusteigen (im Idealfall: niedrig kaufen, hoch verkaufen)

3. Ziel der Outperformance: der Versuch, besser als „der Markt“ zu sein und eine „Überrendite“ zu erwirtschaften

Eine aktive Anlagestrategie lässt sich auf zwei Arten verfolgen:
Entweder man kauft einzelne Aktien in Eigenregie und stellt sich daraus ein Portfolio zusammen (Variante 1) oder man verlässt sich auf das glückliche Händchen eines Fondsmanagers und investiert in einen aktiv gemanagten Aktienfonds (Variante 2).

Sehen wir uns an, warum beide Varianten nicht wirklich vielsprechend sind…

Was sagt die Wissenschaft?

Seit es Finanzmärkte gibt, versuchen Wissenschaftler deren (bizarres) Wesen zu entschlüsseln und erklärbar zu machen. Es mangelt daher nicht an Theorien, nach welchen Mechanismen Aktienmärkte funktionieren.

Heute stehen sich zwei Lager gegenüber, deren Theorien nur auf den ersten Blick unvereinbar miteinander scheinen.

„Der Markt ist effizient“

…sagen die Anhänger der sogennanten Effizienzmarkthypothese (EMH).

Sie glauben, dass niemand einen Informationsvorsprung hat, den er dauerhaft zum Erzielen überdurchschnittlicher Gewinne nutzen kann.

Dadurch verhält sich der Markt in ihren Augen langfristig immer rational, auch wenn er es bei kurzfristiger Betrachtung nicht tut.

„Anleger handeln nicht rational“

… sagen dagegen die Anhänger der Verhaltensökonomie, im Englischen als Behavioral Finance oder Behavioral Economics bezeichnet.

Sie gehen davon aus, dass es immer Investoren gibt, die irrational handeln. Denn Investoren stehen im Wettstreit miteinander, was zu Falschbewertungen von Aktienpreisen führt.

Aus diesem Grund kann der Markt aus Sicht der Verhaltensökonomen nicht effizient sein.

Welche Theorie ist die Richtige?

Vermutlich haben die Anhänger beider Lager Recht. Auf lange Sicht ist der Aktienmarkt effizient und ermöglicht kaum einem Anleger dauerhafte Überrenditen.

Auf kurze Sicht spielen psychologischen Faktoren eine Rolle und lassen sich, das entsprechende Können vorausgesetzt, für spekulative Gewinne nutzen.

Leider verfügen nur die wenigsten Anleger über das notwendige Können…

In jedem Fall gilt:

Finanzmärkte gewähren Investoren keine überdurchschnittlichen Gewinne, ohne dass diese überdurchschnittliche Risiken akzeptieren.

Was gegen Stock-Picking spricht

Die Börse verfügt über eine wunderbare Eigenschaft: Man kann Gewinne erzielen, ohne dass ein anderer dafür Verluste machen muss. Der Aktienmarkt ist bedingt durch das Wirtschaftswachstum ein „Positivsummenspiel“.

Im Durchschnitt betrug die inflationsbereinigte Rendite des Aktienmarkts in den letzten 200 Jahren etwa 6 Prozent. Um diese 6 Prozent ist der gesamte Aktienmarkt pro Jahr gewachsen bzw. im Wert gestiegen. Der „Kuchen“ wird im Laufe der Zeit also immer größer.

Jede Form des Wettstreits oder Spiels ist hingegen ein „Nullsummenspiel“: Die Gewinne und Verluste aller Spieler addieren sich zu Null. Das ist an der Börse nicht anders.

Das bedeutet: sieht man vom Faktor Kosten ab, müssen 50 Prozent aller Investoren besser und 50 Prozent schlechter abschneiden als der Durchschnitt aller Investoren. Denn alle Anleger zusammen bilden den Markt. Sie können sich als Gruppe nicht selbst leistungsmäßig übertreffen.

Der Wettbewerb

Anleger, die mehr als die Durchschnitssrendite von etwa 6 Prozent erwirtschaften möchten – was auch Überrendite genannt wird-, können dies also nur auf Kosten anderer Anleger tun.

Dazu müssen sie die Fehler entdecken und nutzen, die andere Anleger machen.

Durch diverse Analysemethoden versuchen Investoren daher, ein besseres Verständnis für den Wert einer Anlage zu bekommen als der Marktkonsens besagt.

Das Problem: so gehen viele vor.

Letztlich misst man sich mit all den anderen Analysten und Anlegern. Die Wahrscheinlichkeit in Zeiten der schnellen Informationsverbreitung unentdeckte Chancen zu finden und diese gewinnbringend zu nutzen, sind nicht vielversprechend.

Das Verliererspiel

Der Finanzautor Charles D. Ellis bezeichnet die Börse daher als „Verliererspiel“. In einem Verliererspiel können Amateure nur Erfolg haben, indem sie möglichst wenige Punkte verlieren. Ihre Fähigkeiten reichen nicht aus, um aktiv um Punkte mitzukämpfen.

Nur Profis sind in der Lage, aufgrund ihrer Fähigkeiten aktiv Punkte zu erzielen.

Etwa 90 % aller Marktaktivitäten lassen sich institutionellen Investoren (Versicherungskonzernen, Fondsgesellschaften, Pensionskassen, etc.) zuschreiben. Privatanleger handeln also so gut wie immer mit Profis.

Man könnte (und sollte) also zu dem weisen Schluss kommen:

„In einem Umfeld voller intelligenter, hart arbeitender und gut informierter Marktteilnehmer ist die klügste Handelsstrategie: gar nicht handeln.“

– William J. Bernstein

Jedenfalls nicht im Sinne einer aktiven Anlagestrategie.

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Was gegen Market Timing spricht

Das Abpassen geeigneter Ein- und Ausstiegspunkte, auch Market Timing genannt, ist deswegen so schwer, weil die größten Marktbewegungen innerhalb sehr kurzer Zeitspannen auftreten.

Diese Bewegungen treten vor allem in Zeiten auf, in denen die meisten Investoren nicht mit ihnen rechnen. Die größten positiven Kursentwicklungen finden – über lange Zeiträume gesehen – an nur wenigen Handelstagen statt.

Market Timing erhöht die Wahrscheinlichkeit, genau an diesen Tagen nicht oder zu wenig investiert zu sein.

In einer Untersuchung zeigte sich, dass über einen Zeitraum von 40 Jahren mehr als zwei Drittel der Gesamtrendite eines Aktienportfolios an nur 90 Handelstagen erzielt wurden.

Ein Anleger, der an diesen 90 Tagen nicht investiert gewesen wäre, hätte nur 3,2% Rendite erzielt. Ein Anleger, der die Aktien über die gesamte Laufzeit gehalten hätte („buy-and-hold“-Strategie), wäre hingegen bei 10,8% gelandet.

„Folge einem simplen Plan und lass den Markt seinen Lauf nehmen. Das Geheimnis des Investierens ist letztlich, dass es kein Geheimnis gibt.“

– John Bogle

Die Kosten

Beim Handeln von Wertpapieren entstehen dem Investor diverse Kosten: unter anderem Transaktionskosten (Broker- und Börsenhandelsgebühren), Steuern und Verwaltungsgebühren (bei Fonds).

Berücksichtigt man die Kosten, erzielen die meisten aktiven Anleger (inklusive Fondsmanager) unterdurchschnittliche Ergebnisse.

Geht man davon aus, dass die Gewinne normalverteilt sind, schneiden jedes Jahr 67 Prozent aller aktiven Investoren schlechter als der Vergleichsindex ab.

Aus diesem Grund muss der aktive Anleger zum oberen Drittel, nicht nur zur oberen Hälfte aller Anleger gehören, damit sich eine aktive Anlagestrategie am Ende auszahlt.

Das bedeutet: etwa zwei Drittel aller aktiven Investoren, die Jahr für Jahr versuchen, den Markt (Index) zu schlagen, müssen scheitern.

Das Fazit:

Nimmt man all diese Argumente zusammen, spricht sehr viel dafür, dass der Durchschnittsanleger mit einer Passiven Anlagestrategie besser bedient ist.

Warum handeln dann immer noch so viele Leute aktiv an der Börse?

Zum einen ist das Konzept des Passiven Anlegens vermutlich noch nicht allen Anlegern bekannt. Denn weder Finanzindustrie noch Medien können ein großes Interesse an der Verbreitung dieser Anlagestrategie haben.

Die Finanzindustrie kann mit ETFs (Exchange Traded Funds) keine dicken Provisionen und Gebühren erzielen und die Finanzpresse müsste zu der schmerzhaften Erkenntnis gelangen, dass 99% aller gedruckten und gesendeten Informationen für Passivanleger ohne praktische Relevanz sind.

Zum anderen gibt es eine Reihe psychologischer Faktoren, die erklären, warum aktive Anlagestrategien nach wie vor sehr beliebt sind.

Die Psychologie

Gier

Viele Anleger können sich mit der Vorstellung, langfristig „nur“ eine Rendite von etwa 5-6% (inflationsbereinigt) zu realisieren, nicht anfreunden.

„Da muss doch mehr drin sein.“ Zweistellige Renditen sollten es schon sein.

Was dabei gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass höhere Renditen ohne Ausnahme mit einem erhöhten Risiko erkauft werden.

Leider tut sich unser Gehirn mit der Frage „Wieviel ist drin für mich?“ wesentlich leichter als mit der Frage „Wie wahrscheinlich ist ein überdurchschnittlicher Gewinn?“

Vorfreude triumphiert über Wahrscheinlichkeit.

Intellektuelle Herausforderung

Manche aktive Investoren haben Freude an der intellektuellen Herausforderung und der aktiven Teilnahme an einem komplexen „Spiel“.

Sie verdrängen, dass es sich bei der Börse, wie bereits beschrieben, um ein Verliererspiel handelt.

Aktives Investieren kann herausfordernd und befriedigend sein (zumindest solange man gewinnt), während passives Investieren relativ langweilig ist.

„Wenn man es richtig macht, dann ist erfolgreiches Investieren so aufregend wie nasser Wäsche beim Trocknen zuzuschauen.“

– William J. Bernstein

Sportlicher Ehrgeiz

Neben der intellektuellen Herausforderung spielt für Menschen mit einem ausgeprägt wettkampforientierten Charakter eine wichtige Rolle, sich mit anderen zu messen.

Dieses Bedürfnis bleibt bei einer passiven Anlagestrategie natürlich unbefriedigt.

Der sportliche Ehrgeiz beruht allerdings in den meisten Fällen auf…

Selbstüberschätzung (Overconfidence Bias)

Wären alle Anleger rational und Selbstüberschätzung kein Thema, gäbe es wohl nur wenige aktive Investoren. Selbstüberschätzung, die vermutlich häufigste aller Irrationalitäten, ist demnach der Hauptmotor für die Umsätze an den Börsen.

Wie bereits beschrieben, kann nicht eine große Mehrheit aller Anleger besser als der Rest sein. Ob beim Autofahren oder beim Geld anlegen: die meisten Menschen glauben allerdings, sie wären besser als der Durchschnitt.

Mustersuche

Viele Anleger sind fasziniert von der Technischen Analyse, dem Aufsuchen von Mustern in Aktiencharts. Diese Muster, die solch phantasievolle Namen wie „Schulter-Kopf-Formation“ tragen, sollen Aufschluss über die zukünftige Entwicklung von Aktienkursen geben.

Ein Teil der Motivation für diese Beschäftigung geht zurück auf biologische Ursachen:

„Menschen sind Tiere, die gerne Geschichten erzählen und Muster suchen.“

― Michael Shermer

Sobald wir mit etwas konfrontiert werden, das nach Chaos aussieht, fangen wir unwillkürlich an, darin nach Mustern und Zusammenhängen zu suchen. Wir können dieses angeborene Verhalten nicht abstellen.

Broker und Börsenplätze lieben die Techniker/Chartanalytiker natürlich, denn sie sorgen für gute Umsätze durch Ordergebühren. Dementsprechend werden die Kunden dazu ermutigt, einen Haufen Analyse-Tools zu benutzen.

Auch Data-Mining – das Auswerten riesiger Datenmengen durch Computer – kann Muster und Zusammenhänge suggerieren, wo überhaupt keine existieren…

 

Noch einmal die wichtigsten Gedanken im Überblick:
 
# Auf lange Sicht ist der Aktienmarkt effizient und ermöglicht kaum einem Anleger dauerhafte Überrenditen.
 
# Auf kurze Sicht spielen psychologischen Faktoren eine Rolle und lassen sich, das entsprechende Können vorausgesetzt, für spekulative Gewinne nutzen.
 
# Die Wahrscheinlichkeit in Zeiten der schnellen Informationsverbreitung unentdeckte Chancen zu finden und diese gewinnbringend zu nutzen, sind nicht vielversprechend.
 
# Für die meisten Anleger ist die Börse dadurch ein „Verliererspiel“.
 
# Market Timing erhöht die Wahrscheinlichkeit, die größten positiven Kursbewegungen zu verpassen.
 
# Jedes Jahr schneiden mindestens 67 Prozent aller aktiven Investoren schlechter als der Vergleichsindex ab, wenn man die Kosten berücksichtigt.
 
# Die Betrachtung der Kosten sollten beim Investieren oberste Priorität haben.
 
# Höhere Renditen (als der langfristige Durchschnitt) werden ohne Ausnahme mit einem erhöhten Risiko erkauft.
 
# Selbstüberschätzung sowie der biologisch verankerte Drang zur Mustersuche gehören zu den häufigsten Denkfehlern bei der Geldanlage an der Börse.

 
Hast du Fragen oder Anmerkungen zum Vergleich beider Anlagestrategien? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Quellen und Tipps zum Weiterlesen:
William J. Bernstein – The Investor´s Manifesto (*)
Charles D. Ellis – Winning the Loser´s Game (*)
John Bogle – Common Sense on Mutual Funds (*)
Burton Malkiel – A Random Walk Down Wall Street (*)
Jason Zweig – Your Money And Your Brain (*)
Steven Thorley – The Inefficient Market Argument for Passive Investing

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Dieser Text (neu überarbeitet) ist Teil meines Hörbuchs Kluge Menschen Investieren Passiv - Die beste Anlagestrategie für alle, die ihr Geld selbst anlegen wollen.  

Bildquelle: „The Fight Begins“ von Kelly Bailey (bearbeitet), lizensiert unter CC BY 2.0


 
Alle Artikel dieser Serie in der Übersicht
← Zum zweiten Teil der Serie – Was sind ETFs?
Zum vierten Teil der Serie – In wenigen Schritten zum eigenen Portfolio →

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  • zentrader 2. Juli 2013, 08:28

    Hallo Holger,

    danke erstmal auch für diesen Artikel.

    Ich persönlich gehöre zu diesen von Dir besagten aktiven Anlegern, bin also Spekulant oder einfach nur ein Trader.

    Und ich möchte auch kurz vielleicht die Argumente der „Gegenseite“ ansprechen:

    Markettiming aus meiner Sicht funktioniert. Es gibt Trader auf der ganzen Welt die den Markt „timen“, bzw. auch timen können. Erfolgreich in diesem Zusammenhang bezeichne ich Marktteilnehmer, die dieses konstant über einen langen Zeitraum (sagen wir mal mehr als 20 Jahre) anwenden.

    Warum bin ich in Deiner Argumentation schlußendlich dann doch ganz bei Dir?

    Weil erfolgreiches aktives Handeln, Timen, etc. eine FÄHIGKEIT darstellt. Eine Fähigkeit, ein „Skill“ im Neudeutsch, muss man sich aneignen, also AKTIV erlernen.
    Dies dauert meines erachtens- Motivation und Interesse vorausgesetzt- viele tausend Stunden des aktiven Studierens und Auseinandersetzen mit dem Markt.

    Versucht man den Markt als Laie zu timen, vielleicht sogar aus dem eigenen Bauchgefühl heraus, tja, dann freuen wir Trader uns… Wir werden nämlich dann für die viele Zeit und Arbeit „entlohnt“, die wir zuvor investiert haben.
    Und damit meine ich primär die Gedankenarbeit, die man bereit ist zu investieren…

    Ein schöner Artikel, der auf Dein Argument eingeht, dass die Gefahr groß sei,
    durch Timing die „richtig-guten-Börsentage“ zu verpassen habe ich
    HIER
    angefügt.

    Freu mich auf Deine weiteren Artikel,

    zentrader

    • Dummerchen 2. Juli 2013, 18:28

      Interessant. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, wie man konsistent den Markt richtig timen will, möchte ich doch mal nachhaken:
      Wie viel von der Rendite eines erfolgreichen Traders macht denn Deiner Meinung nach das Timing aus? Oder anders gefragt: Wie viel Mehrrendite ggü. „dem Markt“ lässt sich Deines Wissens nach mit Timing erzielen?
      Und wie eignet man sich denn über Jahre die Fähigkeit an? Entwickelt man dann ein spezielles „Gefühl“ (so im kleinen Zeh ;-))? Oder sind es „nur“ Fundamentaldaten, die dem Trading zu Grunde liegen? Dann bräuchte es meiner Meinung ja nur die passende Strategie und keine Jahre des Lernens.
      Sorry, zentrader, so ganz mag ich an erfolgreiches Timing nicht glauben.

  • zentrader 2. Juli 2013, 21:41

    Hallo Dummerchen,

    naheliegende Fragen sind das. Ich kann
    leider nicht zu allen Punkten so in die
    Tiefe gehen, dass Deine Fragen wirklich
    gut beantwortet wären. Das würde den Rahmen
    sprengen- wie es immer so schön heißt. 😉

    Aber vielleicht steckt die eine oder andere
    interessante Info für Dich dabei:

    Der Begriff TRADING umfaßt einen
    sehr weiten Bereich. Wenn ich sage, dass
    ich Trader sei, dann liesse sich das
    analog vergleichen mit der Aussage
    „Ich bin Sportler“. Ob ich professioneller
    Fussballer, Formel 1-Fahrer oder Schachspieler
    bin, läßt sich hieraus nicht ableiten.

    Du kannst den Begriff Trading
    natürlich weiter unterteilen- uns zwar
    sinnvollerer Weise z.B. nach dem Zeithorizont.
    Dann kann man Daytrader, Swingtrader, Positionstrader,
    etc. unterscheiden…
    Andere häufig verwendete Einteilung: Technisch oder Fundamental.
    Die wiederum lassen sich in unzähliche weitere Unterkategorien
    einteilen…

    Thema TIMING. Trading-Strategien gibt es Unzählige, nicht jede muss
    zwingend TIMING enthalten.
    Daher ist Deine erste Frage nach Mehrrendite
    so nicht zu beantworten.
    Was man könnte ist folgendes: Man könnte,
    bei intensiver Betrachtung, zum Schluss
    kommen, dass das Handelssystem A ohne
    Timing die Rendite X und mit Timing die Rendite
    Y erwirtschaftet hat. Wichtig sind aber darüber hinaus auch
    andere statistische Kennzahlen (Drawdown, etc.) und Rendite
    ist nicht alles. Anstatt als Trader bezeichne ich mich
    gerne als „Risikomanager“. Vielleicht erahnst Du,
    dass es hier interessant wird?!
    Timing ist IMO auch eines der besten Instrumente
    der Risikokontrolle- vorausgesetzt natürlich das
    man es kann. 😉

    Stichwort. Wie lernt man sowas? Durch intensives
    Studieren der Materie. Es existieren
    historische Daten, die man untersuchen kann und
    auf denen man z.B. seine Handelssysteme aufbauen
    kann. Das wäre aber natürlich zu leicht. Das
    würde jeder machen, insbesondere all die sehr schlauen Harvardabsolventen.
    Das spannende ist, dass nicht nur das Leben, sondern
    der Markt immer und allzeit sich verändert. Es gibt schlussendlich
    keine zwei selben Tradingmomente… Das macht aber
    den meisten Menschen grosse Schwierigkeiten.
    Wissen und Studieren ist nicht alles- man muss auch seine
    eigenen ERFAHRUNGEN machen.

    Paar lose Gedanken noch zum Timing. Es gibt
    auch hier unzählige Möglichkeiten das zu tun.
    Ein paar Beispiele: Rein technische wie z.B. gleitende
    Durchschnitte, Market-Breadth, etc. Dann aber auch spannede
    Sachen wie Sentiment, oder auch fundamentale, indem
    man sich historische wirtschaftliche Kennzahlen anschaut..

    Zum Thema „Gefühl“. Lass es mich so sagen:
    Die Lernstufe „unbewusste Kompetenz“ (also INTUITION) erlangt man
    erst als „Meister“ seines Faches. Und nur dann
    macht es Sinn auf dieses zu hören.

    Professionelle Golfer haben ein Gefühl wie sie den Ball
    aus 120m aufs Grün spielen sollen. Warum? Weil sie jedes
    Jahr 50k Bälle im Training geschlagen haben, und das seit
    dem sie Kinder waren…

    Trading kann auch Fundamentaldaten zu Grunde liegen, muss
    es aber nicht. Viele sind rein technisch orientiert oder kombinieren
    beides…

    Ja, „nur“ die passende Strategie. 🙂 Sehr schön.
    Nur wie kommst Du an diese? Du meinst, dass es reicht
    Dr. Google zu fragen oder paar Bücher zu lesen?
    Nein, das wunderschöne Spiel funktioniert so nicht, kann
    es auch gar nicht.

    Dummerchen, Glauben musst und sollst Du mir auch nicht.

    Es geht uns allen um ein selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmte
    Anlage-Entscheidungen. Die spannende Frage:
    Bist Du gewillt es für Dich gründlich und sorgfältig
    zu recherchieren, und zwar so lange bis Du eine
    für Dich befriedigende Antwort/Überzeugung gefunden
    hast?

    In diesem Sinne

    zentrader

    • Holger Grethe 3. Juli 2013, 06:27

      Hallo zentrader,

      vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Welt des Tradings.

      Man kann weiter skeptisch sein, ob die beschriebenen aktiven Anlagestrategien wirklich (dauerhaft) funktionieren. Ich weiß definitiv, dass sie für mich niemals funktionieren könnten und dies nur aus einem Grund: ich habe keine Lust, Unmengen Zeit in die Beschäftigung mit „den Märkten“ zu stecken.

      Insofern halte ich Passives Investieren nach wie vor für die beste Anlagestrategie, um mit möglichst wenig Zeitaufwand sinnvoll an der Börse zu investieren.

      Wer Zeit und Lust hat, kann sich selbstverständlich gerne dem aktiven Trading widmen. Dabei sollte man allerdings nie vergessen, dass sich die Gesetze der Mathematik nicht überlisten lassen. Sprich: wie im Artikel beschrieben, muss man es ins obere Drittel ALLER Anleger schaffen, damit sich aktive Anlagestrategien auszahlen.

      Das muss man erst einmal schaffen…

    • Dummerchen 11. Juli 2013, 17:53

      „Ja, “nur” die passende Strategie. 🙂 Sehr schön. Nur wie kommst Du an diese? Du meinst, dass es reicht Dr. Google zu fragen oder paar Bücher zu lesen?
      Nein, das wunderschöne Spiel funktioniert so nicht, kann es auch gar nicht.“

      Wo habe ich denn das behauptet? So naiv wie mein Nickname vielleicht vermuten lässt, bin ich nun doch nicht. Aber eine Strategie wirst doch auch Du irgendwann für Dich entwickelt haben, oder?!
      Ich wollte nur den Begriff „Fähigkeit“ etwas hinterfragen. Wenn es kein Bauchgefühl ist, dann muss ja ein Algorithmus/eine Strategie hinter jeder Kauf-/Verkaufsentscheidung stehen. Es soll ja sogar Programme geben, die dazu genutzt werden, Kauf-/Verkauftrigger zu bestimmen. 😉
      Wie dann der einzelne zur Entscheidungsfindung kommt – selber eine Strategie entwickeln oder einer vorgefertigten Strategie folgen – ist dann ja nochmal eine andere Frage.
      Ich halte es ganz mit Holger: Ich traue mir Trading nicht zu und bleibe bei einer vermeintlich langweiligen Buy-and-Hold-Anlagestrategie (+Rebalancing natürlich). Soviel Spaß habe ich dann doch nicht, mich noch intensiver mit der Materie zu befassen :-).

  • KLEINANLEGER 7. August 2013, 12:37

    In dem Beitrag findet sich folgender Satz:

    „Geht man davon aus, dass die Gewinne normalverteilt sind, schneiden jedes Jahr 67 Prozent aller aktiven Investoren schlechter als der Vergleichsindex ab.“

    Diese Aussage erstaunt mich. Denn wenn die Gewinne normalverteilt sind, dann folgt daraus nur, dass ca. 67% der Werte innerhalb des Bereiches von minus einer bis plus einer Standardabweichung um den Erwartungswert herum liegen. Daraus folgt nicht, dass 67% der Ergebnisse unter dem Vergleichsindex liegen. Oder?

    Gruß vom

    KLEINANLEGER

    • Holger Grethe 8. August 2013, 12:07

      Alle Anleger zusammen bilden den Markt, also müssen 50% besser und 50% schlechter abschneiden als der Durchschnitt. Geht man davon aus, dass ein Index den gesamten Markt repräsentiert, bildet die Entwicklung des Index die durchschnittliche Entwicklung des Marktes ab.

      Warum nun 67%? Diese Zahl stammt aus dem oben zitierten Aufsatz von Steven Thorley. Zitat:

      „Using the observed seven-percentage-point standard deviation, and the assumed three-percentage-point net active management cost, we can derive a general rule of thumb about the prospects for active versus passive investing.

      Under the assumption that performance returns are normally distributed, these numbers dictate that 67 percent, or about two-thirds, of all active investors will underperform the indexing alternative on an after-cost basis each year.

      This calculation is based on the standard normal distribution function, f(x), where x = 3/7.“

      Thorley räumt selbst ein, dass die Gewinne nicht wirklich normalverteilt sind. Aber unabhängig davon ob nun 60 oder eher 70 Prozent aller aktiven Anleger die Durchschnittsrendite verfehlen, bleibt der Kern der Aussage bestehen: die Kosten einer aktiven Anlagestrategie üben einen ordentlichen Erfolgsdruck auf den Investor aus.

      Denn er muss zum oberen Drittel aller Anleger gehören, damit sich sein Aufwand rentiert. Und dies Jahr für Jahr. Wer will sich diesen Stress in seiner Freizeit antun? 😉

    • KLEINANLEGER 9. August 2013, 18:25

      Ah, okay.

      Thorley hat 10.000 Zufallsportfolios gebildet. Nach (angenommenen) Kosten von 3% lagen 6.654 dieser Portfolios unterhalb des Vorkostendurchschnitts (und somit unterhalb des Indexes).

      Das hat also nichts damit zu tun, dass sich ca. 2/3 aller Ergebnisse im Bereich von +/- einer Standardabweichung um den Erwartungswert herum gruppieren.

      Jedenfalls sind wir uns darin einig, dass der durchschnittliche Anleger genau um den Betrag seiner Kosten schlechter abschneiden muss als der maßgebliche Index.

      Gruß, KLEINANLEGER

    • Holger Grethe 9. August 2013, 20:36

      Jep, so ist es. Vielen Dank für die gute Ergänzung!

  • Hinrich Siebelds 20. Januar 2014, 15:14

    Hallo Holger,

    zunächst ein grosses Lob für Deinen Blog. Ich habe viel daraus gelernt, glaube aber, dass die grundsätzliche Ablehnung des aktiven Investierens zu pauschal ist. Vielleicht gibt es sinnvolle Mischformen („Graustufen“)?!

    Meine Frage: Ich konnte nicht feststellen, ob man bei ETFs auf Anleihen auch und wenn ja, wieviel, an den Kursgewinnen partizipiert. Hast Du da eine Info ?

    LG
    Hinrich

    • Holger Grethe 20. Januar 2014, 15:50

      Hallo Hinrich,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Ich lehne aktives Investieren nicht grundsätzlich ab (jeder kann mit seinem Geld machen, was er möchte 😉 ), es spricht nur aus finanzwissenschaftlicher Sicht NICHTS dafür, dies als Privatanleger zu tun.

      Was versprichst du dir von einer aktiven Anlagestrategie? Mehr Rendite?

      Wie im Artikel argumentativ dargelegt, kann eine Überrendite nur auf Kosten anderer Anleger erzielt werden. Das heißt, du musst auf Dauer bessere Entscheidungen treffen als andere Anleger. Traust du dir das zu? Welchen Zeitaufwand bist du dafür bereit zu betreiben?

      Bei ETFs auf Anleihenindizes partizipierst du natürlich auch den Kursschwankungen der Anleihen, die im Index enthalten sind. Nach oben wie nach unten…

  • Gurki 14. Oktober 2015, 14:21

    Hallo,

    ich denke auch mit einem ETF-Sparplan sollte man drauf achten wann man damit einsteigt und wann eben noch nicht. Sinnvoll ist ja hier wenn der Kurs am niedrigsten ist. Natürlich mit der Zeit hat man dann diesen cost average Effekt, aber wenn man vor dem monatlichen Sparraten eine Einmalanlage tätigt, ist das denke ich sehr sinnvoll.

  • Jan 15. Dezember 2015, 09:47

    Hallo,

    Dein Artikel hat mir sehr weitergeholfen.
    Ich habe niemandem im Bekanntenkreis der mit einer aktiven Anlagenstrategie eine Rendite erzielt hat. Daher decken sich meine „bescheidenen“ Erfahrungen mit dem was du schreibst.

    Besonders ein Satz hat es mir angetan:
    „Was dabei gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass höhere Renditen ohne Ausnahme mit einem erhöhten Risiko erkauft werden.“

    Geld gibt es nicht umsonst!

    Viele Grüße
    Jan