Kapitel 1

THEORIE & PHILOSOPHIE

von Holger Grethe Letztes Update: 22. Jan 2017

Im ersten Kapitel dieses Guides erfährst du, welche Ideen und Überlegungen der Passiven Anlagestrategie zugrunde liegen.

Vorweg ein paar Synonyme für Passives Investieren, auf die du bei eigenen Recherchen vielleicht schon gestoßen bist:

  • Indexorientiertes Anlegen
  • Indexing
  • Index Investing
  • Prognosenfreies Investieren

Alle diese Begriffe meinen letztlich ein und dasselbe.

Eine einfache Idee

Die Theorie des Passiven Investierens basiert im Kern darauf, den Markt im Ganzen zu besitzen.

Praktisch gesehen kann man natürlich nicht in alle Aktien kaufen, die es gibt. Aber man kann in die Aktien investieren, die den Markt so gut wie möglich repräsentieren.

Diese Aktien sind in Börsenindizes enthalten.

Eine Investition in Indizes ist durch den Kauf von Indexfonds oder ETFs (engl. Exchange Traded Funds) möglich.

Werden diese Fonds langfristig gehalten (buy-and-hold), handelt es sich um Passives Investieren.

Die Grundidee ist also ganz einfach.

Langfristig denken

Passiv Investieren - Langfristig denken

Zwei Gründe sprechen für einen langfristigen Anlagehorizont: der Zinseszinseffekt und das spekulative Element.

Spekulation

Auf lange Sicht hat Spekulation keinen Einfluss auf die Rendite-Entwicklung von Aktien.

Weder positiv noch negativ.

Denn Spekulation kann sich nicht ewig aus sich selbst heraus nähren. Eine verführerische Idee, die daher kaum totzukriegen ist …

Es ist das Wirtschaftswachstum, das langfristig zu steigenden Börsenkursen führt. Und nicht die Spekulation.

Grundlage des Wirtschaftswachstums ist die Steigerung der Produktivität in den Unternehmen.

Die gestiegene Produktivität wiederum führt zu höheren Unternehmensgewinnen.

Die Gewinne werden einerseits in Form von Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet. Andererseits spiegeln sie sich in steigenden Aktienkursen wider.

Über einen Zeitraum von 25+ Jahren entspricht die Rendite von Aktien mehr oder weniger ihrer langfristigen Durchschnittsrendite.

Diese lag in der Vergangenheit bei ca. 5-6 Prozent pro Jahr (inflationsbereinigt).

Betrachtet man kurze Zeiträume von wenigen Jahren, kann die Aktienrendite erheblich von ihrem langfristigen Durchschnittswert abweichen.

Nach oben wie nach unten.

Hauptgrund für diese unvorhersehbaren Ausschläge ist die Spekulation. Sie ist es, die an den Aktienmärkten für Über- und Untertreibungen sorgt.

Zinseszinseffekt

Wer auf lange Sicht investiert, nutzt zudem einen mächtigen Hebel: die Zeit.

Legt man die ausgeschütteten Dividenden wieder an, kommt der Zinseszinseffekt zum Tragen.

Denn mit Geld aus Dividendengewinnen können weitere Aktienanteile gekauft werden, die dann zu wieder zu höheren Gewinnen aus Dividenden führen …

Der Zinseszinseffekt wirkt sich dabei umso stärker aus, je länger die Anlagedauer ist.

Es spricht also viel dafür, langfristig zu investieren, statt kurzfristig zu spekulieren.

Der Aktienmarkt ist – kurzfristig betrachtet – faszinierend und irreführend. Auf lange Sicht, ist der Markt nahezu langweilig zuverlässig und vorhersagbar.

Charles D. Ellis

Risiken systematisch minimieren

Aktien-Investments sind mit diversen Risiken verbunden, die sich zum Teil jedoch meiden lassen.

Es ist daher wichtig zu erkennen, welche Risiken überhaupt eine Rolle spielen. Und dann diejenigen zu minimieren, auf die man Einfluss nehmen kann.

Im Wesentlichen sind Aktienkäufer drei Arten von Risiko ausgesetzt:

  1. Marktrisiko (unspezifisches Risiko)
  2. Risiko von Aktiengruppen (spezifisches Risiko)
  3. Risiko von einzelnen Aktien (spezifisches Risiko)

Unspezifische und spezifische Risiken bei der Anlage in Aktien

Legende:
Beispielhafte Kategorisierung des gesamten Aktienmarkts nach ausgewählten Regionen und Branchen.
JAP = Japan, EM = Emerging Markets (Schwellenländer)

Das Aktienmarktrisiko ein unspezifisches Risiko, das alle Aktien einschließt.

Mit der Investition in Aktiengruppen (z.B. Regionen oder Branchen) und Einzelaktien sind hingegen spezifische Risiken verbunden.

Was bedeutet das?

Spezifisches Risiko

Betrachten wir zum Beispiel ein Pharmaunternehmens XY.

Dieses muss ein Medikament vom Markt nehmen, nachdem bei einigen Patienten plötzlich tödliche Nebenwirkungen aufgetreten waren.

Der Aktienkurs des Unternehmens wird nach Bekanntwerden der tragischen Vorfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit fallen.

Denn mit dem Rückzug des Medikaments gehen dem Unternehmen Einnahmen verloren, was sich negativ auf die Firmenbilanz auswirkt.

Werden die Aktienkurse von anderen Pharmaherstellern auch leiden?

Vermutlich nicht.

Genauso wenig wie die Aktien von Unternehmen aus anderen Branchen, wie zum Beispiel Banken oder Energieversorger.

Es ist das spezifische Risiko der Aktie des Pharmakonzerns XY, das in diesem Fall zum Tragen kommt.

Unspezifisches Risiko

Ein globaler Börsencrash hingegen betrifft die Aktien in allen Branchen und Regionen.

Unabhängig davon ob sie mit dem Auslöser des Crashs in Verbindung stehen oder nicht.

Das ist das unspezifische Risiko des Aktienmarkts, dessen Entwicklung wir nicht voraussehen oder beeinflussen können.

Das Gesamtrisiko bei der Investition in Aktien ist die Summe aus dem unspezifischen Risiko und den spezifischen Risiken.

Gesamtrisiko = unspezifisches Risiko (Aktienmarkt) + spezifische Risiken (Aktiengruppen und Einzelaktien)

Diversifikation

Während das Marktrisiko nicht zu umgehen ist, lassen sich die beiden spezifischen Risiken eliminieren.

Indem man seine Investitionen möglichst breit streut, sprich: diversifiziert.

Die größtmögliche Streuung erreichen wir, wenn wir durch die Investition in breit angelegte Indexfonds einfach den gesamten Aktienmarkt kaufen.

Und bewusst darauf verzichten, in bestimmte Aktiengruppen oder einzelne Aktien zu investieren.

Risikoprämie

Das Marktrisiko ist zwar unvermeidbar, aber als Anleger bekommt man zum Ausgleich eine Risikoprämie (engl. Equity Risk Premium).

Denn Aktien-Investments belohnen einen mit der höchsten Rendite aller Anlageklassen.

Anders verhält es sich bei den spezifischen Risiken.

Da sich diese durch Diversifikation umgehen lassen, bekommt man keine zusätzliche Risikoprämie, wenn man sie in Kauf nimmt.

Warum sollte man also dieses unnötige Risiko tragen und in einzelne Aktien investieren?

Intelligenz ist die Macht der Anpassung an das Risiko.

John G. Bennett

Kosten minimieren

Das Ziel beim Investieren sollte also darin bestehen, bei minimalem Risiko den größtmöglichen Anteil der Marktrendite zu realisieren.

Dieser Anteil muss zwangsläufig immer unter 100 Prozent liegen, denn ein Wertpapierdepot lässt sich nicht völlig ohne Kosten führen.

Aber man kann und sollte auf diese Kosten achten und versuchen, sie so gering wie möglich zu halten.

Kosten minimieren lohnt sich

Denn je größer die Lücke zwischen der Marktrendite und unserer tatsächlich realisierten Rendite ist, desto stärker wirkt sich dies über den Zinseszinseffekt auf das langfristige Ergebnis aus!

ETF vs. aktiv gemanagter Fonds

Wie sich dies langfristig auf die Höhe des Vermögens auswirkt, zeigt ein beispielhafter Vergleich zwischen der Anlage in einen ETF und einen aktiv gemanagten Fonds:

ETFs vs. aktiv gemanagte Fonds

Legende:
Für den Aktienmarkt (blaue Kurve) wird über einen Zeitraum von 35 Jahren eine durchschnittliche Real-Rendite (inflationsbereinigt) von 6% pro Jahr angenommen.

Tamara investiert im gleichen Zeitraum jeden Monat 250€ in einen ETF (orange Kurve), der durchschnittlich 6% Rendite pro Jahr erwirtschaftet. Abzüglich der Kosten in Höhe von 0,6% liegt die Nettorendite des ETFs bei 5,4% pro Jahr.

Sophie-Luise investiert 35 Jahre lang jeden Monat 250€ in einen aktiv gemanagten Aktienfonds (schwarze Kurve), der trotz eines charismatischen Fondsmanagers ebenfalls „nur“ 6% Rendite erzielt. Abzüglich der Kosten in Höhe von 2,0% liegt die Nettorendite des aktiv gemanagten Fonds bei 4% pro Jahr.

Durch den Zinseszinseffekt wirkt sich allein die Differenz der Nettorenditen in Höhe von 1,4% (5,4% vs. 4,0%) dramatisch auf das Vermögen der beiden Anlegerinnen aus.

Nach 30 Jahren erreicht Tamara mit ihrem ETF immerhin 90% der theoretisch möglichen Marktrendite, Sophie-Luise mit ihrem aktiv gemanagten Fonds hingegen nur 71%.

In Euro ausgedrückt: Tamara darf sich über 213.565€ freuen, Sophie-Luise nur über 168.255€. Im Vergleich zu Tamara fällt ihr Vermögen um gut 45.000€ kleiner aus.

Bei einer Anlagedauer von 35 Jahren ist der Unterschied noch eklatanter und beträgt mehr als 73.000€.

Wie bereits gesagt: Je länger die Anlagedauer, umso drastischer reduzieren Kosten bei gleicher Rendite das Vermögen.

In der Praxis fallen die Kosten- und damit Rendite-Differenzen zwischen aktiv gemanagten Fonds und ETFs häufig noch viel größer aus.

Bescheiden bleiben

Passiv Investieren - Nichtstun

Passiv Anlegen könnte man auch als „Ego-loses“ Investieren bezeichnen. Man ist zufrieden mit dem, was der Markt hergibt und versucht nicht, besser als andere zu sein.

Das führt paradoxerweise dazu, dass man am Ende besser dasteht als die meisten Anleger, die sich aktiv darum bemühen, „den Markt zu schlagen“.

Im Fluss

Bildlich gesprochen schwimmen Passivanleger mit ihrem Kanu im Fluss des Aktienmarkts mit.

Sie paddeln aber nicht selbst, sondern lassen sich in der Flussmitte im Strom treiben.

Hin und wieder sehen sie andere Kanuten großspurig an ihnen vorbeiziehen, ihre eigenen Paddel rühren sie aber trotzdem nicht an.

Denn sie wissen, dass die meisten hektischen Kanuten am Ende doch hinter ihnen ins Ziel kommen werden.

Einfach nur sitzen

Um passiv zu investieren braucht man Geduld und muss die Kunst des Nichtstuns beherrschen.

Was banal klingt, ist für viele Leute ein echtes Problem.

Leider ist gerade in schlechten Börsenjahren blinder Aktionismus („Bloss raus aus Aktien, alles verkaufen…!“) viel zu häufig die erste Wahl.

Auch wenn Abwarten und Nichtstun eindeutig das bessere Ergebnis versprechen.

Wie viele Antibiotika werden bei banalen Erkältungen verschrieben, weil sie von Patienten – übersetzt „die Geduldigen“ (sic!) – vehement eingefordert werden?

Ganz egal, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen. Man muss doch was tun!

Nein, muss man nicht.

Abwarten und Tee trinken hilft in aller Regel viel besser. Und richtet definitiv weniger Schaden an.

Auch an der Börse.

Das Problem ist nicht der Markt, das Problem sind wir.

Charles D. Ellis

 

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