Warum Sicherheit nur eine Illusion ist

Bei der Geldanlage wünschen wir uns Sicherheit.

Genauer: absolute Sicherheit.

Und verlangen damit etwas, was keine Kapitalanlage der Welt zu leisten im Stande ist.

Denn jede Form der Rendite, und wenn sie noch so gering ist, ist immer Ausdruck des Risikos, das mit einer bestimmten Anlageform verbunden ist.

Warum die Vorstellung von absoluter Sicherheit eine Illusion ist und wir uns damit bei der Vermögensbildung eher selbst im Weg stehen, erfährst du in diesem Artikel.

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Risikoaversion

Grundsätzlich ist das Streben nach Sicherheit ja eine extrem sinnvolle Sache. Eine Vollnarkose ist heute sicherer als noch vor 100 Jahren und auch die Zahl der Verkehrstoten ist seit Jahren – dem Fortschritt sei dank – stetig rückläufig.

Wer wollte das nicht wollen?

Unsere Abneigung gegen Risiken ist ein evolutionsbiologisch elementar wichtiger Mechanismus, der das Überleben unserer Spezies überhaupt erst möglich gemacht haben dürfte.

Im Kontext der Geldanlage bewirkt diese Risikoaversion, dass wir uns mehr vor Verlusten fürchten als wir uns auf Gewinne freuen.

Das Verhältnis von Verlustangst zu Vorfreude ist bei jedem Menschen anders ausgeprägt, liegt aber im Mittel bei etwa 2:1, wie der Psychologe Daniel Kahneman in seinem Bestseller “Schnelles Denken, langsames Denken” (*) erklärt.

In anderen Worten: es braucht einen Gewinn von 200 Euro, um einen Verlust von 100 Euro emotional zu “neutralisieren”.

Da ist es wenig überraschend, wenn die meisten Leute beim Geld anlegen “kein Risiko eingehen” und stattdessen lieber “auf Nummer sicher” gehen wollen.

Warum wir Sicherheitsfanatiker sind

Obwohl die Welt – zumindest in den westlichen Industrienationen – immer sicherer wird, scheinen die Ängste der Menschen vor den dadurch geringer werdenden “Restrisiken” paradoxerweise zu wachsen.

Die Gründe für dieses Phänomen liegen auf der Hand:

Zivilisationseffekt

Wir haben uns mittlerweile in nahezu allen Lebensbereichen an hohe Sicherheitsstandards gewöhnt.

Im Alltag gibt es fast nichts mehr, das nicht irgendwie genormt, geprüft, zertifiziert und damit scheinbar absolut sicher gemacht wäre.

Kontrollinstanzen wie TÜV, Stiftung Warentest und Verbraucherschützer wachen über unser Wohlergehen und warnen uns vor Gefahren.

Wir haben sichere Autos, geprüfte Babynahrung und tragen beim Skifahren Helme.

Umso fassungsloser macht es uns, wenn trotz aller Sicherheitsvorkehrungen und Vorsichtsmaßnahmen doch mal jemand zu schaden kommt.

Kann es sein, dass am Ende womöglich so etwas wie Schicksal über deutsche Ingenieurskunst siegt?

Eine unerhörte Vorstellung…

Wunsch nach Stabilität

Wir sind Gewohnheitstiere. Sofern nicht zwingend notwendig, sind Änderungen nicht unbedingt das, was wir uns wünschen.

Insbesondere wir Deutschen lieben den Status quo und wissen Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit sehr zu schätzen.

Das ständige Auf und Ab an der Börse kommt diesem Bedürfnis nicht gerade entgegen.

Man kann dem Aktienmarkt ja viel nachsagen, aber Attribute wie Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit kommen einem jetzt nicht auf Anhieb in den Sinn. Zumindest nicht bei einer kurzfristigen Betrachtung der Ereignisse.

Verständlich, dass man bei der Geldanlage – wenn überhaupt – nur ein “kontrolliertes Risiko” eingehen will und zu Garantieprodukten greift, die eine Beteiligung an den Chancen des Aktienmarkts bei 100%-iger Kapitalgarantie zusichern vorgaukeln.

Chance ohne Risiko?

Klingt ganz nach der berüchtigten Quadratur des Kreises.

Generalversichert gegen alles

Es ist sicherlich eine der Errungenschaften der modernen Zivilisation, diverse Lebensrisiken gegen Gebühr an ein Großunternehmen abtreten zu können.

Doch obwohl es Versicherungen gegen jedes erdenkliche Risiko gibt, bleibt die bittere Erkenntnis, dass es uns trotzdem jederzeit aus den Schuhen hauen kann.

Versicherungen nähren die Illusion eines risikofreien Lebens, in dem jeder Fall der Fälle – zumindest auf dem Papier – geregelt ist.

Süchtig nach Prognosen

Da wir nicht alle Risiken eliminieren können, versuchen wir diesen anderweitig auf die Schliche zu kommen: mit Prognosen.

Vorhersagen befriedigen unseren Wunsch nach Sicherheit, indem sie die Zahl der Möglichkeiten, wie die Dinge laufen könnten, in unserer Wahrnehmung einschränken.

Nahezu täglich begegnen wir einem Versuch, den holprigen Weg in die Zukunft gedanklich zu planieren.

Angefangen bei der Wettervorhersage, über Konjunkturprognosen bis hin zu Fussballergebnissen, deren Vorhersage wir mitunter mehrarmigen Meerestieren überlassen.

Wir wollen einfach wissen, was kommt.

Es ist diese schreckliche Ungewissheit, die uns Angst macht. Dabei ist Ungewissheit streng genommen nicht dasselbe wie Risiko, aber für unser Empfinden macht das kaum einen Unterschied.

Wie sicher ist sicher?

Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns damit abfinden, dass man Dinge zwar sicherer, aber nie ganz sicher machen kann. Jedenfalls nicht zu 100 Prozent.

Absolute Sicherheit würde den Ausschluss jeden Zufalls bedeuten.

Der Lauf der Dinge wäre vorausbestimmt und dadurch völlig berechenbar. Das wäre nicht nur furchtbar langweilig, sondern würde auch unsere Vorstellung vom Leben völlig auf den Kopf stellen.

Das Leben auf Erden wäre wohl kaum entstanden, wenn bei der Evolution Kollege Zufall nicht ordentlich mitgewirkt hätte.

“Solange es Risiken gibt, die man auf sich nehmen muss, Gefahren, die man bestehen muss, solange ist Leben vorhanden.”

– John G. Bennett

Kann eine Kapitalanlage wirklich risikofrei sein?

Staatsanleihen höchster Bonität mit kurzer Laufzeit genießen in der Finanztheorie den Status der “risikofreien” Anlage.

Obwohl es “risikofreie“ Anlagen – wie wir eben gesehen haben – gar nicht geben kann, hat sich dieser irreführende Begriff erstaunlicherweise selbst unter Investmentprofis etabliert.

Gemeint ist, dass es zumindest bis zum Eintritt der Finanzkrise in 2008 als ziemlich unwahrscheinlich galt, dass eine Industrienation wie Deutschland als Schuldnerin ausfallen und den Käufern ihrer Staatsanleihen deren Geld nicht zurückzahlen könnte.

Unwahrscheinlich bedeutet aber noch lange nicht: unmöglich.

Spätestens seit im Jahr 2010 der sogenannte Euro-Rettungsschirm aufgespannt wurde, um finanziell angeschlagene Länder wie Griechenland zu stützen, gilt auch das Worse-Cast-Szenario einer deutschen Staatspleite nicht mehr als völlig abwegig.

Den Begriff “risikofrei” sollte man jedenfalls lieber schnell vergessen und sich an das Adjektiv “risikoarm” gewöhnen. Und dies ganz unabhängig vom Thema Geldanlage.

Kann man Risiko managen?

Es gibt Leute, die machen das sogar beruflich: sogenannte “Risikomanager” oder “risk controller”. Sorry, aber ich glaube, dass auch diese Begriffe in die Irre führen.

“Wenn wir meinen, Urteilsvermögen bestehe in der richtigen Einschätzung des Risikos, sind wir auf dem Holzweg, denn so ist es nicht. Könnte Risiko im Voraus berechnet werden, wäre es kein Risiko mehr.”

– John G. Benett

Es ist weniger das Risiko, das wir managen oder kontrollieren können als unseren Umgang mit dem Risiko.

Denn man kann zwar die Wahrscheinlichkeitsverteilung für ein bestimmtes Risiko kennen, weiß deshalb aber noch nicht, welches Ergebnis tatsächlich eintreten wird.

Viel wichtiger ist es, sich mit der zweiten Dimension von Risiko zu befassen: der Konsequenz. Was wird passieren, wenn der gefürchtete Fall eintritt?

Wir sollten uns also darauf einstellen, dass nicht immer alles glatt laufen wird und uns überlegen, was im schlimmsten Fall passieren kann.

Das Fazit

Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir uns der Vorstellung von absoluter Sicherheit hingeben. Risikofreie Kapitalanlagen kann und wird es niemals geben, denn Rendite ist immer die Kehrseite von Risiko.

Wer mit seinem Geld Kapitalgewinne erwirtschaften will, muss also bestimmte Risiken auf sich nehmen. Alles andere wäre illusorisch.

Hat man diesen Umstand einmal akzeptiert, sieht man sich allerdings mit einer weiteren, nicht ganz unwesentlichen Frage konfrontiert:

Welches Risiko bin ich bereit einzugehen?

“Das sollte unsere Lebensdevise sein: Erwarte nicht, dass irgendwas garantiert oder zugesichert ist. Sobald wir Garantie und Sicherheit erwarten, schließen wir Türen.
 
Sind wir aber bereit, uns diesen Wunsch zu versagen, müssen wir uns auch darauf gefasst machen, dass die Dinge nicht so ablaufen, wie wir uns das vorstellen.
 
Wenn wir uns darüber im Klaren sind, dann nehmen wir das Risiko an und eröffnen die Gelegenheit für ein abenteuerliches, bedeutungsvolles Leben.”

– John G. Bennett

 
Wie groß ist dein Sicherheitsbedürfnis bei der Geldanlage? Ich freue mich auf deinen Kommentar.
 

 

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Bildquelle: Pixabay (bearbeitet), lizensiert unter CC0 1.0

  • Jens 1. Mai 2014, 09:27

    Sehr wahr, sehr philosophisch!

    Dass Versicherungen und Banken das Dreieck der Geldanlage schon häufiger abrunden oder quadratieren wollten, ist klar. Für mich neuestes Beispiel sind die Index-Policen mancher Versicherer. Da kann man jedes Jahr auswählen aus sicherer Verzinsung (also Geldvernichtung; wg. Niedrigzinsen & teils enorm hohen Abschluss und Vertriebskosten) oder Partizipation an der Entwicklung eines Index-Wertes. Werbegespräch bei der Commerzbank neulich: “Die Garantie sorgt dafür, dass Sie garantiert keinen Verlust machen. Aber nach oben nehmen Sie die Rendite mit. Bis zu einem Cap natürlich.” – Natürlich.

    Schöner Beitrag, Holger. Vielen, vielen Dank! :)

  • Norbert 1. Mai 2014, 09:48

    Es gibt doch Sicherheit, lieber Volker,
    die Sicherheit, dass nichts sicher ist, das ist sicher.
    Leben ist! Ohne Punkt und Komma.
    Das Leben ist immer so, wie es gerade sein will.
    Bei Geld ist eine Glaubenssache. Solange man glauben kann, dass der Gegenüber mir für das bedruckte Papier etwas bietet, das mir mein Verlangen befriedigt, hat Geld einen Wert.

    Genau das wird durch unsere Gewohnheit des Verstandes ignoriert. Ist aber mit einer Wiederbelebungsfunktion versehen. Die Taste, die man dazu drücken muss heißt “ACHTSAMKEIT” und beschert Reichtum.
    Mit einem Höchstmaß an Achtsamkeit, verringert man jedes Risiko und erhält jeden Augenblick Geschenke, weil das Leben an sich schon ein Geschenk ist.

    Mögen sich Deine Absichten erfüllen

    Norbert

    • Frédéric 1. Mai 2014, 10:50

      Lieber Holger, wieder einmal ein toller Podcast ! Mach weiter so !!!

      Frédéric

    • Stefanie Müller 2. November 2014, 14:57

      Hallo Norbert,
      Dein Kommentar spricht mir aus der Seele. Das Gehirn verursacht den ganzen Tag über Mangelgedanken und entwirft Szenarien, die mir beim Hinsehen beim besten Willen nicht auffallen wollen. Ich empfinde es schon als Wunder, das ich sehen, riechen und arbeiten und denken kann. Da ist alles andere nur die Schlagsahne obendrauf. Den eigentlichen Gewinn habe ich schon. Das Leben selbst ist schon Genuss.

  • Carsten Drawer 1. Mai 2014, 12:00

    Ein gedanklich tiefer Beitrag den zu lesen Spaß macht. Wie sehe ich nun das Thema Risiko bei der Geldanlage?

    Ich beginne bei Norberts Idee, jeden “Augenblick Geschenke zu bekommen.” Das liegt ganz nahe bei meiner Anlagestrategie, denn ich bekomme immerhin inzwischen an 108 Tagen im Jahr eine Dividendenzahlung. Zugegeben, an manchen auch 3.

    Risiko wird in der Finanzbranche – so verstehe ich es als Beobachter – immer als Synonym für Kursschwankungen verstanden. Also als das, was bei der Geldanlage unvermeidlich ist. Mein Ansatz ist, sich gedanklich ganz davon zu lösen, dass man in 10.000 investierten Euros die 20.000 Euros in 2 Monaten oder 2 Jahren sieht, sondern die 500-800 Euros an Einkommen, die man damit generieren kann. Möglich sind sogar im Laufe der Zeit 2000 Euro Dividenden. So meine Erfahrung.

    Das hat bei mir einen ganz langen gedanklichen Prozess erfordert und hat natürlich in der Umsetzung die unvermeidlichen Schmerzen verursacht. Aber wir reden dabei nurber Psychologie. Zum Glück kann man seinen Geist in Richtung “Verlusttoleranz” erziehen. Man muss die Dividenden dabei auch als, wie man oft lesen kann “Schmerzensgeld” sehen. Dann geht es schon. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, das es für den Begriff “Income Investor” nicht einmal einen deutschen Begriff gibt.

    Allen Lesern bei der Hoffnung auf Kursgewinne eine glückliche Hand und noch mehr Erfolg bei der gedanklichen Arbeit, die dem einen oder anderen jetzt bevorsteht.

    • Holger Grethe 1. Mai 2014, 17:43

      Ich will noch nicht zuviel verraten, aber Dividendenstrategien sind ein Thema, das ich mir demnächst auf jeden Fall vorknöpfen werde ;-)

  • Alexander Schwarz 1. Mai 2014, 12:14

    Hallo Holger,

    danke für den Buchtipp! – Hab mir das englische Original als Ebook besorgt. Vielleicht macht es Sinn, das auch zu verlinken? Dort ist der Autor nämlich als “J.G. Bennett” notiert, deshalb war das nicht so leicht zu finden.

    LG, Alex

  • Christian 1. Mai 2014, 12:37

    Hallo Holger,

    vielen Dank für den Artikel. Aus meiner Sicht ist die Überschrift des Artikels gerade so passend, weil mir die Illusion der Sicherheit im beruflichen Umfeld aktuell durch die Entlassung mehrerer Führungskräfte innerhalb weniger Monate (in einem KMU!) eindrucksvoll vorgeführt wurde.

    Auch wenn ich mich (leider) noch nicht so lange mit dem passiven investieren befasse, hat dies meine Einstellung dazu vielmehr bekräftigt: spare mit der Zeit, dann hast Du in der Not – auch wenn es hoffentlich nicht so weit kommt. Wie Carsten bereits schrieb, helfen einem die regelmäßigen (bei mir noch überschaubaren) Dividendenzahlungen bei der Stange zu bleiben. Deshalb bin ich inzwischen auch gerne zu einem gewissen Risiko bei einem Teil meiner Geldanlage bereit.

    • Holger Grethe 1. Mai 2014, 17:47

      Hallo Christian,

      das Angestelltendasein suggeriert häufig eine Sicherheit, die es im Grunde nicht gibt. Da sehe ich auch so.

      Die Vorliebe für Dividendenausschüttungen scheint ja weit verbreitet zu sein. Ein Grund mehr, dass ich da mal was zu schreibe ;-)

  • Michael 1. Mai 2014, 17:03

    Wieder einmal treffende und klare Worte, lieber Holger.

    Ich sehe dieses extreme Sicherheitsdenken auch als speziell deutsches Problem. Und sicher nicht umsonst haben die Engländer den Begriff “German Angst” in ihren Sprachgebrauch aufgenommen.

    Im Gegensatz dazu sprechen die US-Amerikaner alledings von “german stupid money” wenn deutsches “Risikokapital” mal wieder in irgendwelchen windigen Immobilien- oder Filmprojekten versenkt wird.

    Es ist also eine verzwickte Sache, das mit der Sicherheit und dem Risiko – gerade bei Geldanlagen.

    Klar dürfte sein, wer bei Geldanlagen immer nur auf Sicherheit setzt, wird irgendwann mal ganz sicher keinen besonders erfreulichen Lebensabend haben und eine Rente auf Grundsicherungsneveau “genießen” dürfen. Meine Meinung.

    Was uns fehlt ist Mut zum Risiko. Denn das, was allgemein als Risiko bezeichnet wird, ist in Wahrheit die einzige Chance, seine finanziellen Ziele zu erreichen.

    Randy Gage hat es in einem Buchtitel treffend formuliert: Risiko ist die neue Sicherheit.

    Oder anders gesagt: Nur wer wagt, der gewinnt!

    Hier übrigens noch eine Video des von mir geschätzten Kabarettisten Chin Meyer über irrationale Ängste, Risikoeinschätzung und die große Angst der Deutschen …
    http://youtu.be/Rmu3Va1BKoc

    Liebe Grüße und allen einen schönen 1. Mai noch
    Michael

    • Holger Grethe 1. Mai 2014, 17:59

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Michael!

      Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe, ist der vermutlich häufigste Grund für übertriebene Risikoscheu schlicht Unkenntnis. Wir fürchten uns vor Dingen, die wir nicht kennen bzw. nicht verstehen.

      Wer nicht mal eine ungefähre Vorstellung davon hat, was an der Börse so passiert, fürchtet sich verständlicherweise davor und legt sein Geld lieber “sicher” an.

      Ich glaube, dass in den seltensten Fällen eine bewusste Entscheidung für “sichere” Kapitalanlagen unter Berücksichtigung aller verfügbaren Optionen erfolgt. Man bleibt einfach bei dem hängen, was man kennt und zu verstehen glaubt.

      Rationalisiert wird diese emotionale Entscheidung dann mit vermeintlichem Allgemeinwissen á la “Aktien sind nur für Spekulanten”. Das ist schade, denn mit ein wenig mehr Interesse fürs Thema eröffnen sich ganz neue Perspektiven.

  • Micha 2. Mai 2014, 01:43

    Das Risiko und Rendite miteinander verbunden sind, sollte wirklich jedem klar sein, der ernsthaft Gewinne erwartet.

    Mir gefällt der Bezug zur menschlichen Psyche wirklich sehr. Das Leben selbst ist auch erst spannend, wenn es das Risiko beherbergt, auch Fehler machen und Dinge verpassen zu können.

    Prognosen und Vorhersagen schränken nicht das Risiko ein, sondern bloß unsere Wahrnehmung. Super Aussage!

  • Marc Heemskerk 7. Mai 2014, 15:46

    Ich bin eher zufällig auf diesen Artikel gestoßen. In dem Zusammenhang ist mir die Software “stop & go professional” bekannt. Hier kann man zwar keine ETFs ordern, jedoch finde ich im Hinblick auf risikoscheue Anleger den Ansatz recht interessant. Wie sehen Sie das?

    Viele Grüße!

    Marc

    • Holger Grethe 7. Mai 2014, 22:15

      Hallo Marc,

      soweit ich das übersehen kann, soll die genannte Software “optimale Ein- und Ausstiegspunkte” für Fondsinvestments ermitteln und dadurch die Rendite verdoppeln können.

      Ich wäre da sehr skeptisch!

      Niemand kennt optimale Ein- und Ausstiespunkte für den Aktienmarkt, auch keine Software. Denn was optimal ist und was nicht, ist leider immer erst hinterher klar, also nach einer eindeutigen Trendwende.

      Um es auf den Punkt zu bringen: Market Timing funktioniert nicht.

    • Marc Heemskerk 8. Mai 2014, 08:00

      Danke, dem stimme ich auch voll zu. Jedoch ist das System im Hinblick auf die Risikoangst durch den Stop nicht verkehrt. Und meines Wissens kann man hier sowohl das stop Limit, als auch das go Limit nach eigener Vorliebe einstellen.

      Klar… DAS Beste gibt es sicher nicht.

  • Julian 8. Mai 2014, 10:56

    Lieber Holger,

    Bei dem Abschnitt über Risiko habe ich einige Anmerkungen: Ich kenne aus dem Finanzwesen die Unterscheidung zwischen Risiko (risk) und Unsicherheit (uncertainty) wobei sich beides zB auf die Volatilität also Schwankung eines Aktienkurses beziehen kann. Risiko beschreibt den Teil dieser Schwankung, den ich bemessen oder erfassen kann – für den ich einen Erwartungswert habe. Unsicherheit hingegen beschreibt den Teil den ich nicht absehen kann, von dem ich nicht weiß wie hoch er ausfallen mag.

    Dieser idealen Unterscheidung zufolge kann ich Risiko managen, eben durch Diversifikation und ähnlichem. Was ich nicht managen kann ist die Unsicherheit. Daher wäre die Frage ‘womit habe ich es zu tun’ interessant. Bei Aktienkursen spielt ‘uncertainty’ sicherlich eine große Rolle.
    *kleine definitorische Erbsenzählerei*

    Zu Deiner Aussage “Denn man kann zwar die Wahrscheinlichkeitsverteilung für ein bestimmtes Risiko kennen, aber eben nicht die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des unerwünschten Ereignisses selbst.” Da klingeln meine Statistik-Spider-Sensoren!
    Eine Wahrscheinlichkeitsverteilung ergibt sich gerade daraus, dass ich jedem möglichen Ergebnis eine Wahrscheinlichkeit zuweise(n kann), d.h. ich weiß genau mit welcher Wahrscheinlichkeit X, Y, oder Z eintreten. Das heißt natürlich nicht, dass ich weiß ob X, Y, oder Z eintreten, sondern nur, dass bei 100 Wiederholungen X, Y, und Z jeweils 100*P(X), 100*P(Y), und 100*P(Z) Mal eintreten sollten.

    Wie wäre es damit: “Denn man kann zwar die Wahrscheinlichkeitsverteilung für ein bestimmtes Risiko kennen, weiß deshalb aber noch nicht welches Ergebnis tatsächlich eintreten wird.”

    • Holger Grethe 8. Mai 2014, 19:46

      Hallo Julian,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Ich werde den Teufel tun und in Sachen Statistik Haare spalten. Da bin ich nämlich ganz sicher kein Experte. ;-)

      Ich finde die folgenden Definitionen sehr einleuchtend:

      Risiko
      Risiko beschreibt das Auftreten eines unbekannten Ereignisses mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen (z.B. finanzieller Verlust), für das die Wahrscheinlichkeitsverteilung bekannt ist.

      Ungewissheit
      Ungewissheit beschreibt das Auftreten eines unbekannten Ereignisses, für das die Wahrscheinlichkeitsverteilung NICHT bekannt ist.

      Ungewissheit schließt also unvorhersehbare (Extrem-)Ereignisse mit ein, die berüchtigten Schwarzen Schwäne.

      Ob man nun das Risiko an sich managen oder lediglich Vorkehrungen (Diversifikation) treffen kann, welche die Konsequenzen bei Eintreten des unerwünschten Ereignisses (Kursverlust) abmildern, ist sicher Ansichtssache.

      “Wie wäre es damit: “Denn man kann zwar die Wahrscheinlichkeitsverteilung für ein bestimmtes Risiko kennen, weiß deshalb aber noch nicht welches Ergebnis tatsächlich eintreten wird.””

      Dein Korrekturvorschlag hat mich überzeugt. Hab es schon im Text geändert. Danke!

  • Stefanie Müller 2. November 2014, 14:43

    Hallo Holger,

    danke für diesen wieder mal erhellenden Artikel. Nur muß ich mal ein bißchen klugscheissern: Du meinst sicher worst case, hast aber worse cast geschrieben.
    War aber ja nur ein Versehen, führt aber etwas in die Irre. Interessant fände ich mal einen Artikel, der sich mit kulturellen Memen beschäftigt, wie z.B. “Aktien sind nur etwas für Spekulanten”. Warum geben sich Menschen mit solchen Allgemeinplätzen zufrieden? Wohl den meisten dürfte schon im gleichen Moment auffallen, daß sie sich gerade selbst etwas vormachen – schließlich kann ja grundsätzlich jeder an der Börse spekulieren, oder? Woher der Widerstand, sich der eigenen Vorurteile bewußt zu machen, wenn man doch durch deren Aufdeckung vielleicht Vorteile hätte? Ansonsten vielen Dank für den guten Artikel.
    Grüsse von Stefanie

  • Jannik 23. Februar 2016, 19:25

    Toller Artikel, ich stimme dir in allen Punkten zu. Leider wollen die meisten Menschen immer 100%-ige Sicherheit und richten ihr gesamtes Leben darauf aus.

    LG Jannik