Kapitel 2

WAS SIND ANLEIHEN?

von Holger Grethe Letztes Update: 20. Jan 2017

Im zweiten Kapitel dieses Guides erfährst du in 8 Fragen und Antworten alles Wesentliche über die Grundlagen des Investierens in Anleihen für Anfänger:

#1 Was sind Anleihen?

Bei Anleihen handelt es sich um verzinsliche Wertpapiere, auch Renten oder Bonds genannt.

Beim Kauf überlässt der Anleger dem Herausgeber (Emittenten) für einen festgelegten Zeitraum Kapital und erhält dafür von diesem Zinszahlungen.

Der Anspruch auf die Zahlung von Zinsen wird auch Kupon genannt. Am Ende der Laufzeit erhält der Anleger den überlassenen Kapitalbetrag zurück.

Herausgeber von Anleihen sind entweder öffentlich-rechtliche Körperschaften (Staaten, Länder und Gemeinden), Unternehmen oder Banken.

Anleihen können im Inland (national) oder im Ausland (international) zum Kauf angeboten werden und werden in verschiedenen Varianten herausgegeben:

Anleihetypen

Bei Standardanleihen (Festzinsanleihen) gilt ein fester Zinssatz für die gesamte Laufzeit. Bei Wertpapieren mit variablem Zinssatz wird dieser an die Marktbedingungen angepasst.

Bei inflationsgesicherten Anleihen (engl. Inflation-Linked Bonds) werden die Zinszahlungen, zum Teil auch der Rückzahlungsbetrag, an die Entwicklung der Inflation angepasst.

Sie bieten so Schutz vor einem Kaufkraftverlust durch Inflation.


#2 Warum gibt es Anleihen?

Staatsanleihen dienen der Finanzierung von Haushaltsdefiziten. Unternehmensanleihen (engl. Corporate Bonds) sind für Firmen ein Weg, um Fremdkapital für Investitionen zu erhalten.

Der Käufer einer Unternehmensanleihe wird zum Gläubiger, das Unternehmen zum Schuldner.

Anders als bei Aktien erwirbt der Anleger keine Anteile am Unternehmen. Er ist damit nicht an dessen Eigenkapital beteiligt.


#3 Welche Gewinne lassen sich mit Anleihen erzielen?

Mit Bonds können auf zwei Wegen Gewinne erzielt werden: durch Zinszahlungen und durch Kursgewinne.

Die Rendite ergibt sich aus der Summe von Zinszahlungen und Kursgewinnen/-verlusten.

Anleihen-Rendite = Zinskupon + Kursgewinn/-verlust.

Bei der Betrachtung der Gewinnchancen muss man zwischen historischen und aktuellen Renditen, Staats- und Unternehmensanleihen sowie unterschiedlichen Weltregionen unterscheiden.

Grundsätzlich gilt: je länger die Laufzeit, desto höher die Verzinsung.

Aktuelle Renditen (Ende 2016)

Deutsche Staatsanleihen mit 10jähriger Restlaufzeit boten Ende 2016 eine nominale (nicht inflationsbereinigte) Rendite von ca. 0,25 Prozent pro Jahr.

Die mittlere Rendite für Staatsanleihen aller 27 EU-Länder lag bei ca. 1 Prozent pro Jahr.

Staatsanleihen der USA (Treasuries) verzeichneten Ende 2016 eine nominale Rendite von ca. 2,5 Prozent pro Jahr, amerikanische Unternehmensanleihen eine nominale Rendite von etwa 3,5 Prozent pro Jahr.

Historische Renditen (USA)

Mit Treasuries konnte im Zeitraum von 1928 bis 2016 eine durchschnittliche nominale Rendite von 5,2 Prozent pro Jahr erzielt werden.

Phasenweise (mehrere Jahre) lagen die Renditen von Bonds sogar über denen von Aktien.

Je länger jedoch der Anlagezeitraum, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Bonds gegenüber Aktien besser abschneiden.

#4 Welche Risiken gibt es bei der Investition in Anleihen?

Diese Risiken sind relevant:

Ausfall-/Emittentenrisiko

In Bezug auf das Ausfallrisiko gelten Anleihen im Vergleich zu Aktien als risikoärmer.

Das Risiko, dass der Herausgeber (Emittent) einer Anleihe die erforderlichen Rückzahlungen nicht leisten kann oder will, wird als Emittentenrisiko bezeichnet.

Wie groß dieses Risiko ist, lässt sich anhand seiner Kreditwürdigkeit (Bonität) einschätzen.

Diese wird von Rating-Agenturen (zum Beispiel Standard & Poor´s, Moody´s, Fitch) regelmäßig bewertet und in Scores oder Ratings ausgedrückt.

Unternehmen und Staaten mit schlechtem Bonitäts-Rating müssen zum Ausgleich höhere Zinszahlungen bieten. Andernfalls finden sie auf dem Anleihenmarkt keine Käufer für ihre Anleihen.

Daher werden ihre Wertpapiere auch etwas verunglimpfend als “Schrottanleihen” (Junk Bonds) bezeichnet.

Zahlungsunfähigkeit und -unwilligkeit

Im Falle einer Unternehmens-Insolvenz werden die Inhaber von Anleihen gegenüber Aktionären und Kreditgebern (Banken) bevorzugt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger ihr Kapital oder zumindest ein Teil davon zurückerhalten, ist bei Bonds also höher als bei Aktien.

Bei Staatsanleihen ist die Situation etwas komplizierter. Ein Staatsbankrott ist etwas anderes als eine Unternehmenspleite.

So heißt es in Dieses Mal ist alles anders – Acht Jahrhunderte Finanzkrisen (*) von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff:

Ein bankrottes Unternehmen ist womöglich schlichtweg nicht in der Lage, seine Schulden in vollem Umfang zu begleichen. Eine Regierung hat dagegen typischerweise die strategische Entscheidung getroffen, dass eine (vollständige) Rückzahlung die notwendigen Opfer nicht wert ist.

Inflationsrisiko

In der Vergangenheit verlief die Entwicklung des allgemeinen Zinsniveaus langfristig parallel zur Entwicklung der Inflation.

Unerwartete Anstiege der Inflation können jedoch dazu führen, dass die Inflationsrate über dem Zinssatz bestimmter Anleihen liegt.

Die inflationsbereinigte Rendite ist dann negativ und der Anleger verliert de facto Geld.

Inflationsgesicherte Anleihen können zwar Schutz vor einem Anstieg der Inflation bieten. Sie lohnen sich aber nur dann, wenn der Anleger ein höhere Inflation erwartet als der Herausgeber der Anleihe.

Bei Deflation, der Zunahme des Geldwerts, fällt der variable Zinssatz dieses Anleihetyps entsprechend.

Zinsänderungsrisiko

Steigt das Zinsniveau, sinkt der Wert und damit der Kurs von festverzinslichen Anleihen.

Bei fallenden Zinsen kommt es daher zu einem Kursanstieg.

Bedeutung hat dies für den Anleger dann, wenn er das Wertpapier vor Ende der Laufzeit verkaufen will. In diesem Fall droht nach einem Anstieg des Zinsniveaus ein Kursverlust.

Grundsätzlich gilt: je länger die Laufzeit einer (festverzinslichen) Anleihe, desto höher der Zinssatz, da das Risiko einer Zinsänderung mit der Länge der Laufzeit zunimmt.

Der höhere Zinssatz von lang laufenden (Staats-)anleihen gegenüber kurz laufenden Bonds lässt sich als Risikozuschlag für Zinsänderungen verstehen und wird im Englischen als Bond Risk Premium bezeichnet.

Kursrisiko

Die Kurse von Anleihen sind während der Laufzeit Schwankungen unterworfen, wenn auch in geringerem Ausmaß als bei Aktien.

Wichtige Einflussgrößen für den Kursverlauf sind die Entwicklung von Inflation und Marktzinsniveau.

Darüber hinaus spielt auch die Bonität des Anleihen-Herausgebers sowie das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage am Anleihenmarkt eine Rolle.

Beide Faktoren sind abhängig vom Vertrauen in die Politik sowie von der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wechselkursrisiko

Alle Wertpapiere, die in fremder Währung notieren, sind Wechselkursrisiken ausgesetzt (siehe Kapitel 1 – Was sind Aktien?)


#5 Wie und wo kann man Anleihen kaufen?

Genau wie Aktien können Anleihen über einen Online-Broker gekauft werden.

Der Handel findet dabei entweder an Börsenplätzen oder außerbörslich (engl. Over-The-Counter; OTC) statt.

Beim außerbörslichen Handel wird der Kauf direkt zwischen Banken über elektronische Handelssysteme abgewickelt.

Anleihen werden zu einem festgelegten Nennwert (Nominalwert) herausgegeben. Der Kurswert wird an der Börse in Prozent notiert. Zu Beginn liegt dieser bei 100 Prozent.

Während der Laufzeit kann der Kurs über oder unter 100 Prozent liegen. Am Ende liegt er in der Regel bei 100 Prozent (sogenannte Nennwertkonvergenz).

Anders als bei Aktien kann man nicht eine bestimmte Stückzahl von Anleihen kaufen. Man investiert stattdessen den gewünschten Betrag und bezahlt den Kurs in Prozent.

Anleihekauf - Beispiel

Ein Anleger investiert während der Laufzeit 1.000€ in eine Anleihe, deren Restlaufzeit bei genau 5 Jahren liegt.

Bei einem Kurs von 95% werden 950€ angelegt.

Verkauft der Anleger die Anleihe am Ende der Laufzeit zum Kurs von 100%, erzielt er einen Kursgewinn von insgesamt 5% (1% pro Jahr).

Zu diesem Kursgewinn kommen die Zinszahlungen noch hinzu.


#6 Welche Anleihen soll ich kaufen?

Auch hier gilt meine Empfehlung: Als (unerfahrener) Privatanleger sollte man nicht in einzelne Bonds investieren.

Bei der Investition in Anleihenfonds (Rentenfonds) werden die verschiedenen Risiken automatisch gestreut (diversifiziert).


#7 Wie lange soll ich Anleihen halten?

Der Anlagehorizont kann im Vergleich zu Aktien sicher kürzer gewählt werden – abhängig von der Laufzeit.

Aufgrund der Kursrisiken empfiehlt sich auch bei Anleihen langfristig zu denken und zu handeln.

Wer nur kurz sein Geld “parken” möchte, sollte dies eher mit Hilfe eines Tagesgeldkontos tun.


# 8 Warum soll ich überhaupt Anleihen kaufen?

Um Verlustrisiken zu reduzieren, sollte ein Wertpapierdepot nicht nur aus Aktien(fonds) bestehen, sondern auch Anleihen(fonds) beinhalten.

Bei der Aufteilung deines Depots in Aktien und Anleihen kannst du dich an dieser tradierten Formel orientieren: Aktienquote = 100 minus Lebensalter

Je näher der Zeitpunkt rückt, an dem man von seinen Ersparnissen leben möchte (muss), desto größer sollte der Anteil von Anleihen sein.

Anleihen bilden in einem Depot den risikoarmen Anteil und “stabilisieren” den Wert des Gesamtportfolios.
 

 


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