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Kennst du deinen maximalen Lebensstandard?

Holger Grethe
Autor
Letzte Aktualisierung

Maximaler Lebensstandard … Was soll das denn bitte sein?

Es existieren zahlreiche Definitionen für den minimalen Lebensstandard, auch Existenzminimum oder einfach Armut genannt.

Aber zu welchem Zweck sollte man eine Obergrenze für den materiellen Wohlstand bestimmen?

Das Streben der Menschen nach einer stetigen Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ist schließlich das Schwungrad des Kapitalismus.

Dabei ist ein maximaler Lebensstandard die beste Grundlage für entspannte Vermögensbildung. Sparen tut nämlich gar nicht weh, sobald man es aus der richtigen Perspektive betrachtet …

Höher, schneller, weiter

Bis Jahren warb eine große Supermarktkette mit vier Buchstaben (vor rotem Hintergrund) mit dem Werbeslogan: „Jeden Tag ein bißchen besser!“

Dieses Versprechen hat mich immer irritiert.

Es gibt Erdbeeren in der Weihnachtszeit, Lebkuchen ab Ende August und mehr Joghurtsorten als ich zählen kann, während ich an der Kasse Schlange stehe.

Was soll hier noch „besser“ werden? Besser in welcher Hinsicht?

Ich will in diesem Artikel nicht auf den allseits gehypten „Bio-Nachhaltigkeits-Regionale Produkte“-Busch klopfen, mir geht es um etwas ganz anderes.

Höherer Lebensstandard durch Materialismus?

Der Grundgedanke, den die Wirtschaft per ausgeklügeltem Marketing in unseren Köpfen verankert, ist dieser:

Mit jedem neuen Produkt, das auf den Markt kommt, lässt sich unser Leben ein Stück besser machen.

Und je hochwertiger (teurer) das Produkt, umso größer ist der positive Effekt, den es auf unser Leben nimmt. Ein Porsche macht glücklicher als ein Audi macht glücklicher als ein Opel.

Auch ich habe das lange Zeit geglaubt.

Und wenn man das glaubt, ergibt sich daraus ein weiterer logischer Gedanke: Je mehr Geld ich habe, desto mehr tolle Dinge kann ich kaufen. Und je mehr tolle Dinge ich habe, desto besser wird mein Leben.

Konsequenterweise heißt das im Umkehrschluss: wenn ich Geld für morgen spare, muss ich dafür auf Dinge verzichten, die mein Leben heute besser machen.

Nach dieser Logik führe ich also freiwillig ein schlechteres Leben, wenn ich Geld zurücklege.

Schön doof.

Stell dir vor …

…du hättest ab dem nächsten Monat 1.000€ netto mehr zur Verfügung. Welcher Gedanke kommt dir ganz spontan in den Sinn?

A: endlich kann ich mir XYZ kaufen!

B: toll, ich kann 1.000€ mehr zurücklegen, ohne mich einschränken zu müssen.

Ganz ehrlich, woran hast du zuerst gedacht?

Sollte dir wirklich B in den Sinn gekommen sein: Glückwunsch, du hast ihn schon definiert, deinen maximalen Lebensstandard.

Du scheinst zufrieden zu sein mit dem, was du hast und glaubst nicht daran, dass dich weitere materielle Dinge noch glücklicher machen.

Wenn du spontan an A gedacht hast …lies weiter!

Leben wie ein Student?

Es mag ungewöhnlich klingen, aber es macht absolut Sinn, sein materielles Existenzmaximum zu bestimmen. Es geht um die bewusste Entscheidung: bis hierhin, und nicht weiter.

Du solltest dich fragen:

Welches Netto-Einkommen reicht aus, um meine materiellen Bedüfnisse zu befriedigen? Um all die Dinge zu bezahlen, die ich heute notwendig brauche.

Je früher im Leben wir uns diese Frage stellen, desto niedriger wird das benötigte Netto-Einkommen sein. Denn die Entwicklung kennt über die Jahre nur eine Richtung: nach oben.

Jede Steigerung des Einkommens verführt uns im Laufe der Zeit dazu, unseren Standard entsprechend anzupassen.

Wir geben das Geld aus für eine größere Wohnung, für ein schickeres Auto, für bessere Klamotten, für einen teureren Urlaub und andere Annehmlichkeiten.

Dieser Prozess verläuft so schleichend und unbemerkt, dass man sich nur wenige Jahre nach dem Start ins Berufsleben fragt, wie man als Student mit so lächerlich wenig Geld auskommen konnte.

Und dabei kurioserweise auch noch in dem Gefühl lebte, die beste Zeit seines Lebens zu haben.

Nach der erfolgreichen „Eingliederung ins Berufsleben“ will man dann plötzlich nicht mehr „leben wie ein Student“, man will sich etwas leisten können. Schnell wird aus Pizzaservice Trattoria, aus IKEA bulthaup und aus Muttis altem Astra ein Firmenwagen mit allen Extras.

Kein Wunder, denn die Referenzgruppe hat sich geändert. Es ist nicht mehr ein Haufen mittelloser Studenten, der nun die Maßstäbe setzt, sondern Kollegen, Freunde und Nachbarn mit all ihren materiellen Ansprüchen.

Dabei geben die Alten den Ton an und machen den Jungen vor, was es zu erreichen gilt: Doppelhaushälfte, Mittelklassewagen, 4-Sterne-Pauschalurlaub.

Muss man haben. Weil es alle haben.

Kleiner Fisch im großen Teich

Sich bewusst dazu entscheiden, die Lebensstandards anderer Leute nicht als Maßstab zu nehmen, erfordert schon ein gewisses Rückgrat. Man könnte auch sagen: ein dickes Fell.

Es ist der Nachbar, der mitleidig schaut, wenn du ein Auto vor seinem Haus parkst, das gute 10 Jahre auf dem Buckel und noch mehr Kratzer im Lack hat.

Es sind die Kollegen, die dich bedauern, dass du auch dieses Jahr „nur“ nach Holland fährst und Sandburgen baust, anstatt zum Tauchen auf die Malediven zu fliegen.

Es sind deine Freunde, die nicht verstehen, warum du immer noch zur Miete wohnst, obwohl du dir bei deinem Gehalt doch „was Eigenes“ leisten könntest, beziehungsweise den notwendigen Kredit dafür.

Sie bedauern und belächeln dich, selbst wenn du mit dem, was du hast, völlig zufrieden bist.

Mit einem maximalen Lebensstandard bekommst du allerdings etwas, was all denen, die deine materielle Bescheidenheit missverstehen, abgeht:

Finanzielle Unabhängigkeit, innere Ruhe und Zufriedenheit.

Wenn du entscheidest, dass dir hier und jetzt nichts fehlt, dann fehlt dir auch das Geld nicht, dass du jeden Monat über hast, um es auf die Seite zu packen.

Und je mehr Geld du verdienst, desto mehr kannst du sparen, ohne dass du auf etwas Wichtiges verzichten müsstest.

Um Missverständnissen vorzubeugen

Mit all dem ist nicht gemeint, dass…

  1. es schlecht ist, viel Geld zu verdienen.
  2. ich das Studentenleben mit seinen materiellen Beschränkungen glorifiziere.
  3. ich den Anspruch, die eigenen Lebensumstände zu verbessern, grundsätzlich in Frage stelle.

1. Ein hohes Einkommen ist nicht das Problem

Zum Problem können immer nur unsere Ansprüche werden, die aus einem hohen Einkommen resultieren. Nicht das Einkommen selbst. Mehr Geld macht zwar nicht automatisch glücklich, aber das ist ein anderes Thema.

2. Betrifft nicht nur Studenten

Man muss nicht Student gewesen sein, um das Phänomen der wachsenden Ansprüche nachvollziehen zu können. Die gesellschaftliche Konditionierung hinsichtlich Traumhaus, Traumauto, Traumurlaub etc. geift vermutlich in Ausbildungsberufen noch viel früher.

Es geht auch nicht darum, sein ganzes Leben „wie ein Student“ zu verbringen, sondern bewusst wahrzunehmen, wie sich die eigenen materiellen Ansprüche im Laufe der Zeit verändern.

3. Qualität statt Quantität

Ob minimaler oder maximaler Lebensstandard: beide machen sich an materiellen Dingen fest.

Einen maximalen Lebensstandard hinsichtlich materieller Dinge zu definieren, heißt nicht, dass unsere Lebensqualität nicht weiter positiv zu beeinflussen wäre.

Wir könnten zum Beispiel mehr Zeit mit den Dingen verbringen, die uns etwas bedeuten.

Ich habe 2012 mein Arbeitspensum als Freiberufler bewusst reduziert, um nochmal ein wenig zu studieren. Nicht an irgendeiner Uni. Und nichts, was mit meinem Arztberuf auch nur annähernd zu tun gehabt hätte.

Ich habe in diesem Jahr einfach im Selbststudium rund 100 Sachbücher gelesen, die mich wirklich interessiert haben.

Das Themenspektrum reichte von Philosophie über Psychologie bis hin zu Politik, Finanzen, Persönlichkeitsentwicklung, Marketing, Businessliteratur, Webdesign und anderem mehr.

Das Ergebnis: Diese Website und damit auch der Text, den du gerade liest. Ich könnte und würde nicht so schreiben, wie ich es tue, wenn ich dieses Investment in meine Bildung nicht getätigt hätte.

Und obwohl sich Texte, Podcasts und Co nicht von selbst erledigen, hat die Arbeit an zendepot bisher sehr zu einer Verbesserung meiner Lebensqualität beigetragen.

Ich kann sagen: es ging mir noch nie so gut wie heute.

Obwohl ich kein dickes Auto fahre, zur Miete wohne und noch immer nicht auf den Malediven war …

 

Bildquelle: „Stop All Way“ von Peter Kaminski (bearbeitet), lizensiert unter CC BY 2.0

Autor: Holger Grethe
Holger hat Zendepot Anfang 2013 gegründet und dort als einer der ersten deutschen Blogger regelmäßig über passives Investieren mit ETFs und weitere Finanzthemen informiert. Im Juni 2021 beschloss Holger, das Projekt Zendepot für sich abzuschließen, um sich auf sein Kerngeschäft, die eigene Praxis, zu konzentrieren. Die Beiträge von Holger können jedoch weiterhin im Zendepot-Blog abgerufen werden.