Zendepot Blog

Warum finanzielle Freiheit nur eine Illusion ist

Holger Grethe
Autor
Letzte Aktualisierung

Finanzielle Freiheit ist das ultimative Ziel!

Von den Segnungen des vorzeitigen Ruhestands erfährt man ja mittlerweile überall im Netz.

Ein paar Jahre heftigst sparen, mit hoher Rendite investieren und dann den ungeliebten Job für immer und ewig an den Nagel hängen.

Welch ein Traum!

Gut, große Sprünge sind in der finanziellen Unabhängigkeit eher weniger drin. Aber das spielt keine Rolle, denn Konsum macht ja eh nur unglücklich 

…sagen diejenigen, die sich möglichst früh im Leben vom Zwang zur Arbeit befreien wollen.

Ehrlich gesagt geht mir der Hype um das Thema ziemlich auf den Senkel. Zeit für eine Gegenrede!

Warum ich die finanzielle Freiheit respektive den vorzeitigen Ruhestand für kein sonderlich erstrebenswertes Ziel halte, erfährst du in diesem Artikel:

Woher kommt die Idee vom (vorzeitigen) Ruhestand?

Ende des 19. Jahrhunderts lag die mittlere Lebenserwartung bei gerade einmal 35 bis 38 Jahren.

Über Ruhestand oder Rente brauchten sich die Menschen damals kaum Gedanken zu machen.

Diejenigen, die deutlich älter wurden, arbeiteten einfach weiter. Oder wurden von ihren Kindern versorgt, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten.

Eher aus politischem Kalkül denn aus Nächstenliebe führte Otto von Bismarck 1883 neben der Krankenversicherung die gesetzliche Rentenversicherung ein.

Der Rentenanspruch galt ab 65 Jahren – einem Alter also, das die meisten Arbeiter damals kaum erreichten.

Der industriellen Revolution kam diese Entwicklung allerdings sehr entgegen.

Denn auf diese Weise konnten sich die Fabriken elegant älterer Arbeitskräfte entledigen, deren (körperliche) Produktivität mit dem Alter immer weiter abnahm.

Bis heute ist die Frühverrentung ein beliebtes Stilmittel der Wirtschaft geblieben, um kostensparende „Umstrukturierungen“ vorzunehmen.

Vorzeitiger Ruhestand geschieht also in vielen Fällen nicht unbedingt freiwillig.

Die ersten Ruheständler hatten damals jedenfalls etwas, das der arbeitenden Bevölkerung weitestgehend abging: Zeit zur freien Verfügung (Freizeit).

Und diese will gestaltet werden.

So ist es vermutlich kein Zufall, dass sich das Angebot der Golfkurse in den USA zwischen 1921 und 1930 verdreifachte …

Nach 40+ Jahren von 100 auf Null?

So schön die Vorstellung vom Ruhestand auch ist – jeden Tag ausschlafen, seinen Hobbys nachgehen, golfen, reisen etc. – die Sache hat eine Kehrseite:

Eine Studie des Institute of Economic Affairs hat ergeben, dass Ruhestand …

  • die Wahrscheinlichkeit um 40 Prozent verringert, dass die Menschen ihren Gesundheitszustand mit „sehr gut“ oder „exzellent“ bewerten
  • die Wahrscheinlichkeit für eine klinische Depression um 40 Prozent erhöht
  • die Wahrscheinlichkeit für mindestens ein diagnostisch gesichertes körperliches Leiden um etwa 60 Prozent erhöht

Welchen Sinn es hat also, bei Erreichen einer willkürlich gewählten Altersgrenze eine Vollbremsung von 100 auf 0 Prozent Arbeit hinzulegen?

Dass man Ruheständlern damit nicht unbedingt einen Gefallen tut, sollte angesichts der oben genannten Morbiditätsziffern klar sein.

Was bringt Leute nun dazu, freiwillig auf den Tag hinzusparen, an dem sie nicht mehr arbeiten müssen?

Anders gefragt:

Warum wollen Menschen überhaupt finanzielle Freiheit?

Der Psychologe Steven Reiss stellte in den 1990er Jahren seine Theorie der 16 Lebensmotive vor. Diese wirkten als treibende Kraft für die Psyche des Menschen:

„Grundbedürfnisse sind psychologische Bedürfnisse: Einige Grundbedürfnisse müssen befriedigt werden, damit wir überleben; andere müssen befriedigt werden, damit wir das Leben als sinnvoll empfinden […] Dasselbe Grundbedürfnis (oder psychologische Bedürfnis) führt bei unterschiedlicher Ausprägung zu unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen.“

Quelle: Das Reiss Profile (*)

Die 16 Grundbedürfnisse nach Steven Reiss:

  1. Anerkennung: Bedürfnis danach, Kritik und Ablehnung zu vermeiden
  2. Beziehungen: Bedürfnis nach Freundschaft
  3. Ehre: Bedürfnis danach, sich moralisch integer zu verhalten
  4. Eros: Bedürfnis nach Sexualität
  5. Essen: Bedürfnis nach Nahrung
  6. Familie: Bedürfnis danach, seine eigenen Kinder großzuziehen
  7. Idealismus: Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit
  8. Körperliche Aktivität: Bedürfnis danach, seine Muskeln zu bewegen
  9. Macht: Bedürfnis danach, andere dem eigenen Willen zu unterwerfen
  10. 10.Neugier: Bedürfnis nach Kognition
  11. Ordnung: Bedürfnis nach Struktur
  12. 12.Rache: Bedürfnis danach, mit jemandem abzurechnen
  13. 13.Ruhe: Bedürfnis nach innerem Frieden
  14. 14.Sparen: Bedürfnis danach, materielle Güter zu sammeln und anzuhäufen
  15. 15.Status: Bedürfnis nach Prestige
  16. 16.Unabhängigkeit: Bedürfnis nach Autarkie

Welche Rolle spielen diese psychologischen Grundbedürfnisse nun in unserem Leben?

Vereinfacht gesagt, fühlen wir uns glücklich, wenn ein Grundbedürfnis mit überdurchschnittlicher Ausprägung befriedigt wird.

Und wir fühlen uns unglücklich, wenn das gleiche Grundbedürfnis unbefriedigt bleibt.

Charakterunterschiede
Jeder Mensch trägt eine individuelle Konstellation an Grundbedürfnissen in sich.

Die eine hat ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach körperlicher Bewegung. Ohne Sport geht es ihr schlecht.

Der andere hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe. Er kann vielleicht auf Sport verzichten, nicht aber aufs gemütliche Lesen am Kamin.

Es dürfte klar sein, welche zwei der 16 Bedürfnisse für den Wunsch nach finanzieller Freiheit beziehungsweise Unabhängigkeit eine große Rolle spielen:

Sparen und Unabhängigkeit.

Anmerkung: Steven Reiss bezieht das Motiv Sparen in erster Linie auf das Anhäufen materieller Güter. Das Anhäufen immaterieller Güter (Geld) beziehungsweise von Vermögenswerten (z.B. ETF-Anteile) fällt aus meiner Sicht aber in die gleiche Kategorie.

Zum Motiv Unabhängigkeit stellt Steven Reiss fest:

„Menschen mit einem starken Grundbedürfnis nach Unabhängigkeit sind selbständig. Ihre persönliche Freiheit kann für sie alles bedeuten; eventuell mögen sie es nicht, auf andere angewiesen zu sein. Für sie kann es sehr wichtig sein, dass alles so gemacht wird, wie sie es machen wollen (“so, wie ich es will, oder überhaupt nicht”). Sie ordnen sich nicht unter, um mit anderen zurechtzukommen.“

Mit anderen Worten:

Wer finanzielle Freiheit beziehungsweise „early retirement“ anstrebt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Unabhängigkeit in Verbindung mit dem Drang, (Geld) zu sparen.

Warum wollen nicht noch mehr Menschen finanziell unabhängig werden?

Wie kommt es, dass bestimmte Menschen nach finanzieller Unabhängigkeit streben und andere dieses Ziel kalt lässt?

Weil letztere die entsprechenden Finanzblogs noch nicht im Netz gefunden haben?

Mag sein. Viel wahrscheinlicher ist aber etwas anderes …

Für viele Menschen ist Unabhängigkeit nun mal kein überdurchschnittlich wichtiges psychologisches Motiv. Für sie sind andere Bedürfnisse wichtiger.

Für die einen mag das Streben nach Macht eine größere Rolle spielen:

„Macht motiviert zu Willenskraft, zum Bedürfnis nach Leistung und dazu, wie sehr man daran arbeiten will voranzukommen… Macht beeinflusst Ihre Neigung dazu, eine Führungsperson zu sein und anderen Anleitungen oder Rat zu erteilen.“

Quelle: Das Reiss Profile (*)

Für andere mag es Statusdenken sein, welches das Bedürfnis nach Unabhängigkeit überwiegt:

„Status ist das Bedürfnis nach sozialem Ansehen aufgrund von Reichtum, Titeln, sozialer Schicht oder guter Herkunft. Die Befriedigung dieses Bedürfnisses ruft Gefühle der eigenen Bedeutung und der Überlegenheit hervor, während die Nichtbefriedigung zu Gefühlen der Bedeutungslosigkeit und der Unterlegenheit führt.“

Quelle: Das Reiss Profile (*)

Wer sich aus dem Arbeitsleben zurückzieht, um seine finanzielle Freiheit zu genießen, kann anderen weder Kommandos erteilen noch sich im Glanz seiner beruflichen Position sonnen.

Es ist letztlich also eine Frage der individuellen Konstellation psychologischer Grundbedürfnisse, die sich hinter dem Streben nach finanzieller Freiheit verbirgt.

Buch-Tipp
Der Motivation, die finanzielle Unabhängigkeit möglichst früh im Leben zu erreichen, hat die Autorin Gisela Enders ein ganzes Buch (*) gewidmet. In einer Reihe von Interviews wird deutlich, wie (unterschiedlich) Menschen ticken, die sich erfolgreich vom „Zwang zur Erwerbsarbeit“ befreit haben.

Wenn der Job nervt …

Schauen wir uns das Bedürfnis nach Unabhängigkeit – von der Erwerbsarbeit – mal etwas genauer an.

Hier ein paar Zitate, die ich auf Finanzblogs zum Thema finanzielle Freiheit gefunden habe:

„Das sind ja noch verdammt viele Jahre mit jeweils rund 220 Arbeitstagen an denen ich jeden Morgen zeitig aufstehen und ins Büro gehen darf um 10 Stunden später wieder ausgepowert nach Hause zu kommen. Will ich das? Nein!“
„Arbeiten = Zeit für etwas aufwenden, das ich nur mache um Geld zu verdienen. Natürlich macht mir mein Job Spaß, aber wenn ich ihn nicht machen müsste, würde es es vermutlich auch nicht tun. Sondern den ganzen Tag rumreisen, lesen, Pommes essen und Sport treiben.“
„Du kannst Dir Besseres vorstellen, als Dein Leben im Job zu verbringen? Geht mir genauso. Deshalb arbeite ich daran meine finanzielle Freiheit zu erlangen, solange ich noch jung und knackig bin.“
„Der Staat möchte, dass du bis zum 70. Lebensjahr arbeitest? „F*ck You!“. Dein Chef schickt dich in die neue Niederlassung nach Kleinödnis? „F*ck You!“. Die Stadt in der du wohnst langweilt dich? Sag ihr „F*ck You!“ und fang woanders neu an.“

Einfach hinschmeissen und „Fuck you“ sagen können, wenn einem der blöde Job nicht mehr passt.

Ganz ehrlich: Wer träumt nicht ab und zu davon …

Wenn man abends auf dem Heimweg im Stau steckt, morgens im Winter im Nieselregen auf den Bus zur Arbeit wartet, dann vom Vorgesetzten für Nichtigkeiten angeranzt wird und sich den Rest des Tages über die Faul- und Blödheit von Kollegen ärgern muss …

All diese Zumutungen fallen weg, sobald das Paradies, äh …die finanzielle Freiheit einmal erreicht ist.

Also kann das Motto nur lauten:

Im Job ein paar Jahre die Arschbacken zusammenkneifen, die Ausgaben runter prügeln und sparen wie ein Berserker!

Wer 70 Prozent seines Nettoeinkommens spart, kann schon nach 8,8 Jahren in den Sack hauen und unter Absingen schmutziger Lieder („Fuck you, Chef!“) seinen Schreibtisch räumen.

Tolle Sache, denn jetzt kannst du …

Endlich das machen, was dir wirklich Spaß macht

Die Frage ist nur: Warum machst du das nicht schon hier und jetzt?

Warum bist du bereit, eine offensichtlich unbefriedigende berufliche Situation für weitere 8, 10 oder 15 Jahre – je nach Sparquote – zu ertragen?

Der Weg wäre mir definitiv zu weit!

Wer sagt denn, dass ein einmal angetretener Angestelltenjob das Ende der Fahnenstange ist?

Wo bleibt der Wille zur Veränderung, zur beruflichen Weiterentwicklung?

Wo bleibt der Ehrgeiz, im Berufsleben einmal etwas (völlig) Neues zu wagen? Sich selbständig zu machen, ein Unternehmen zu gründen?

Auch auf die Gefahr hin alle über einen Kamm zu scheren …

…aber mein Eindruck ist, dass unter den finanziell Freiheitssuchenden viele passabel verdienende Akademiker sind, die ihrer Arbeit mit einer gewissen Lustlosigkeit nachgehen.

Und in der finanziellen Unabhängigkeit die Erlösung suchen.

Kann man so machen …

Ich finde es allerdings ziemlich traurig, wertvolle Jahre seines Lebens eine unbefriedigende Situation zu ertragen, um irgendwann in der Zukunft endlich „frei“ zu sein.

Denn konsequenterweise bedeutet der Wunsch nach finanzieller Freiheit ja im Umkehrschluss, dass man sich heute unfrei fühlt!

Feindbild Arbeit?

Umso skurriler finde ich, dass auch Menschen, die das Teenageralter kaum hinter sich gelassen haben, schon über Dinge wie finanzielle Unabhängigkeit oder „passives Einkommen“ sinnieren.

Was für ein Bild von Arbeit muss man haben, dass man schon nach einem Exit sucht, bevor man überhaupt ein paar Jahre Geld verdient hat?

Häufig wird so getan, als gäbe es zwischen einem ungeliebten „so lala“-Job und der finanziellen Freiheit gar keinen anderen Weg.

Hallo, wie wäre es mit einem Jobwechsel? Oder dem Sprung in die Selbständigkeit?

Ja, da kommt dann nicht jeden Monat die gleiche Summe aufs Konto …

Aber wer grundsätzlich Angst vor Volatilität hat, sollte auch nicht in Aktien investieren.

Und ohne Aktien wird’s mit der finanziellen Freiheit verdammt schwer!

(Jaja, ich weiß, es gibt auch Immobilien …)

Je weniger Konsum, desto mehr Freiheit?

Um finanziell frei zu sein, muss man seine Ausgaben vollständig durch Kapitaleinkünfte decken können.

Je mehr Kapitaleinkünfte gebraucht werden, desto größer muss der dafür notwendige Kapitalstock sein.

Und je größer der Kapitalstock ist, desto länger dauert es, um diesen via Sparen, Geldanlage und Zinseszinseffekt zu aufzubauen.

Deshalb trifft es sich ganz gut, wenn man seine Ausgaben möglichst niedrig hält.

Ohne Frust gelingt das allerdings nur jenen, die ihre materiellen Ansprüche auf einem (möglichst) niedrigen Niveau ansiedeln.

Möglichst wenig zu benötigen, ist nun einmal der schnellste Weg, um reich zu werden.

Diese Idee ist uralt und geht vermutlich zurück auf Diogenes von Sinope, der seine Bedürfnislosigkeit gerne öffentlich zur Schau stellte, indem er auf der Straße in einem alten Vorratsfass hauste.

„Es ist davon auszugehen, dass Diogenes die grundsätzliche Ansicht vertreten hat, dass richtig glücklich nur der sein kann, der sich erstens von überflüssigen Bedürfnissen freimacht und zweitens unabhängig von äußeren Zwängen ist. Diogenes erkannte ausschließlich die Elementarbedürfnisse nach Essen, Trinken, Kleidung, Behausung und Geschlechtsverkehr an. Alle darüber hinausgehenden Bedürfnissen solle man ablegen …“

Quelle: Wikipedia

Sollte man das wirklich?

Während dem Statusbewussten auf der einen Seite sein Leben ohne sündhaft teure Markenklamotten, 5-Sterne-Hotels und Luxuskarossen unwert erscheint, beschäftigt sich der Frugalist auf der anderen Seite unablässig mit der Frage:

Worauf kann ich noch verzichten?

Letztlich sind beide Lebensentwürfe extremistischer Natur, geprägt von einem – sagen wir – „besonderen“ Verhältnis zu Materialismus und Konsum.

Die Rationalisierung des Strebens nach finanzieller Unabhängigkeit gelingt aus den bereits genannten Gründen verständlicherweise umso besser, je kritischer das Bild von Materialismus und Konsum gezeichnet wird.

4 Gründe, warum mir die vorzeitige finanzielle Unabhängigkeit unwichtig ist

Die Betonung liegt auf: vorzeitig.

Denn natürlich halte ich es für sinnvoll, nicht bis ins hohe Alter finanziell von der Erwerbsarbeit abhängig zu sein.

Sprich, etwa ab dem 60. Lebensjahr möchte ich den Punkt erreicht haben, an dem ich nicht mehr für Geld arbeiten muss.

Aus diesem Grund baue ich Vermögen mit der Z.E.N.-Methode auf.

„Early retirement“ oder gar „extreme early retirement“ interessiert mich hingegen aus den folgenden Gründen nicht:

1. Ich habe keine Lust auf die notwendigen finanziellen Entbehrungen

Ich sage ja zum ambitionierten Geld sparen, Investieren und dem langfristigen Vermögensaufbau.

Auch ich wünsche mir finanzielle Sicherheit (ein möglichst großes monetäres Polster) und möchte meine finanziellen Ziele gerne erreichen.

Aber ich sage definitiv nein zu Frugalismus, Geiz und Pfennigfuchserei. Weil das einfach nicht die Art und Weise ist, wie ich und meine Familie leben möchte!

Es ist daher nicht die Frage, ob wir uns eine Sparquote von 60 Prozent oder mehr leisten könnten …

Es hat einfach keine Priorität für uns.

Natürlich ist es Unsinn, sich von materiellen Besitztümern Glückseligkeit zu versprechen. Und Statussymbole sind erst recht überflüssig.

Aber ich habe weder Lust, im Supermarkt jeden Cent umzudrehen, noch im Second-Hand-Laden nach Klamotten zu gucken.

Und wenn ich das Verlangen spüre, Geld in mein Hobby (Tennis) oder technische Gadgets aus Cupertino zu stecken, dann mache ich das eben.

Weil Konsum – in dieser Form – eben doch hin und wieder Spaß macht!

Auch wenn ich all meine Sachen vielleicht nicht unbedingt „brauche“.

Wobei ja eh die Frage ist, was wir wirklich brauchen. Wo hört Notwendigkeit auf und wo fängt Luxus an …?

2. Ich will in der Gegenwart leben und genießen

Jedenfalls möchte ich mein Leben heute genießen und nicht erst in der Zukunft.

Da mich meine Arbeit nicht quält, fühle ich mich dadurch weder unfrei noch in einem „Hamsterrad“ gefangen.

Meine „Work-Life-Balance“ oder besser meine „Arbeit-Freizeit-Balance“ ist heute schon sensationell gut.

Warum sollte ich an diesem Zustand etwas ändern?

Ich bin stolz auf das, was ich bisher erreicht und aufgebaut habe. Und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mich die finanzielle Unabhängigkeit von der Erwerbsarbeit zu einem noch glücklicheren Menschen machen würde.

Vor allem nicht, wenn ich mir dafür im Gegenzug nur ein Leben auf deutlich niedrigerem Niveau als heute leisten könnte.

3. Finanziell ist man nie wirklich frei

Echte finanzielle Unabhängigkeit (inklusive passivem Einkommen) ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als eine Illusion.

Denn wenn Arbeitseinkünfte nicht mehr das Leben finanzieren, müssen diesen „Job“ Kapitaleinkünfte übernehmen – sprich: Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen.

Mit anderen Worten:

Es besteht auch in der finanziellen Unabhängigkeit eine Abhängigkeit von gewissen Geldquellen.

Diese sind zum einen Marktentwicklungen unterworfen. Zum anderen dem politischen Willen, welcher sich üblicherweise in einer mehr oder weniger vorteilhaften Steuergesetzgebung manifestiert.

Sollte irgendwann eine sozialistisch angehauchte Regierung beschließen, dass Kapitaleinkünfte des Teufels und deshalb „gerechter“ zu besteuern sind, dann ist schnell Schluss mit lustig.

Natürlich kann man dann immer noch auswandern, vorausgesetzt man hat nicht in erster Linie auf Immobilien gesetzt …

4. Ich würde sowieso weiterarbeiten

Ich stehe mittlerweile 16 Jahre im Beruf (als Arzt) und bin seit 2009 selbständig beziehungsweise unternehmerisch tätig.

In dieser Zeit habe ich kontinuierlich daran gearbeitet, meine Einkommenssituation, mein Arbeitspensum sowie meine Arbeitsbedingungen vorteilhaft zu gestalten.

Mit zendepot habe ich mir ein zweites berufliches Standbein aufgebaut, das mir ein zusätzliches, zeitunabhängiges („passives“) Einkommen beschert.

Mir fällt kein trifftiger Grund ein, warum ich an meiner komfortablen Situation – die das Ergebnis von Risikobereitschaft, Willen und Durchhaltevermögen ist – etwas ändern sollte.

Wichtiger als die vermeintliche finanzielle Freiheit in der Zukunft zu erreichen, ist mir meine heutige berufliche Freiheit beziehungsweise die Möglichkeit, das tun zu dürfen, was ich gerne mache.

Der Finanzblogger und Buchautor Christian Thiel befindet sich in einer ähnlichen Lage:

„Da ich immer das tue, was ich gerade will, bin ich im Grunde finanziell frei. Ich gehe nicht zur Arbeit, nur um Geld zu verdienen. Sondern wegen der Glückshormone.“

Das klingt gut, aber auch schon fast zu schön, um wahr zu sein. Denn selbst der tollste Beruf ist mit gewissen Entbehrungen, Strapazen und auch nervigen Tätigkeiten verbunden.

Stellt sich die Frage:

Warum hören eigentlich erfolgreiche Musiker oder Schauspieler nicht einfach auf?

Warum geht zum Beispiel der Sänger Chris Martin mit seiner Band Coldplay immer weiter auf Tour und produziert neue Alben?

Bei einem geschätzten Vermögen von 185 Millionen USD sollte er doch längst finanziell frei sein – und das selbst bei seinem luxuriösen Lifestyle.

Warum ruft er also nicht einfach „Fuck you!“ anstatt sich nach jedem Album aufs Neue durch stumpfsinnige Radio-Interviews und Promo-Events zu quälen und schwitzende Fan-Hände in Konzertsälen zu schütteln?

Angesichts seiner finanziellen Freiheit könnte er doch „den ganzen Tag rumreisen, lesen, Pommes essen und Sport treiben“.

Aber vielleicht würden ihm das gar keinen Spaß bringen.

Zumindest nicht mehr als bis an sein Lebensende Musik zu machen. Und dafür die eine oder andere kleine Entbehrung sowie Phasen der Fremdbestimmung (Tourmanager, Plattenfirma etc.) in Kauf zu nehmen.

Es spricht nichts dagegen, so lange zu arbeiten, wie es einem Spaß macht. Die Freiheit sollte sich jeder nehmen!

Aus heutiger Sicht stelle ich mir den Rückzug aus dem Erwerbsleben idealerweise als schleichenden Prozess vor, bei dem ich mein Pensum Jahr für Jahr nach Belieben zurückfahre …

Die Message (in a bottle)

Wenn du den unbändigen Wunsch nach finanzieller Freiheit verspürst, frage dich zuerst:

Habe ich ein Problem mit meinem Job? Was kann ich an meiner beruflichen Situation verändern, um Arbeit nicht mehr als lästiges Übel zu empfinden?

Sofern der Job nicht dein Problem ist …

Es ist selbstverständlich ein legitimes Ziel, finanzielle Freiheit weit vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter zu erreichen!

Genauso wie Marathon unter vier Stunden zu laufen, die Alpen mit dem Fahrrad zu überqueren oder den Jakobsweg zu gehen.

Wenn dich die Vorstellung fasziniert und du motiviert genug bist, jeden Monat mehr als die Hälfte deines Nettoeinkommens zu sparen: go for it!

Aber gehe nicht davon aus, dass andere Menschen unbedingt Begeisterung für dein Vorhaben zeigen. Oder dir gar nacheifern wollen.

Es mögen ja auch nicht alle Leute gleichermaßen Austern, Schnitzel oder Gänseleberpastete …

Was du in jedem Fall anstreben solltest, ist die finanzielle Unabhängigkeit von der Erwerbsarbeit im Rentenalter.

Das dafür notwendige Vermögen kannst du auch mit zivilen Sparquoten zwischen 10 und 25 Prozent und einer soliden Anlagestrategie erreichen.

Entscheidend ist, dass du dabei die Balance zwischen dem Leben im Hier und Jetzt und der Zukunft hältst.

Der Mittelweg ist nicht ohne Grund golden:

Medio tutissimus ibis. (In der Mitte wirst du am sichersten gehen) Ovid
Autor: Holger Grethe
Holger hat Zendepot Anfang 2013 gegründet und dort als einer der ersten deutschen Blogger regelmäßig über passives Investieren mit ETFs und weitere Finanzthemen informiert. Im Juni 2021 beschloss Holger, das Projekt Zendepot für sich abzuschließen, um sich auf sein Kerngeschäft, die eigene Praxis, zu konzentrieren. Die Beiträge von Holger können jedoch weiterhin im Zendepot-Blog abgerufen werden.